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Berufliches Schulwesen
Schülerinnen eines Kochkurses an der Alice-Eleonoren-Schule, 1925, Foto: Alice-Eleonoren-Schule

Die Vorläufer der heutigen beruflichen Schulen entstanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als so genannte Handwerker-Sonntagsschulen. Die erste Handwerkerschule wurde in DA 1837 mit 20 Schülern eröffnet, die sonntags Zeichenunterricht erhielten. 1847 nahmen bereits 140 Schüler am Unterricht teil. Jetzt wurde auch abends in der Woche Unterricht in Rechnen, Deutsch und Buchführung erteilt. In Bessungen wurde auf Initiative des Gewerbevereins 1865 eine Handwerkerschule für Jungen gegründet, die den Namen Annastift führte. Außerdem gab es seit 1843 eine „Industrieschule für die weibliche Jugend“. Auch in Wixhausen wurde 1842 eine Industrieschule eröffnet. In DA wurde Fortbildungsunterricht für Frauen seit 1867 an der Alice-Schule erteilt, der späteren Alice-Eleonoren-Schule. Um auch auswärtigen Schülern den Besuch einer Fortbildungsschule zu ermöglichen, gründete man neben der Handwerkerschule 1849 eine „Winterbauschule“, in der das Unterrichtspensum während der Wintermonate im Tagesunterricht vermittelt wurde. Aus dieser entwickelte sich die Landesbaugewerkschule (Ingenieurschule für Bauwesen). Der Unterricht der Handwerkerschulen fand sonntags statt, denn eine berufstheoretische Ausbildung war zwar erwünscht, sollte aber keine Arbeitszeit in Anspruch nehmen. Doch war die Einrichtung dieser Schulen, die theoretisches Wissen und Allgemeinbildung vermittelten, schon ein großer Fortschritt. Mit 14 Jahren begannen die Jugendlichen damals ihre Lehre, Fünfzig- bis Sechzigstundenwochen waren an der Tagesordnung. Zeit für Lernen und Bildung außerhalb des Betriebs blieb kaum. Neben den Handwerker-Sonntagsschulen gab es in DA bereits seit 1874 Pflichtfortbildungsschulen, darunter eine Kaufmännische Fortbildungsschule. Institutionalisiert wurden die beruflichen Schulen in Hessen allerdings erst mit dem 1922 in Kraft getretenen hessischen Volksschulgesetz. In DA verteilte man alle in einem Lehrverhältnis stehenden Mädchen und Jungen, je nach ihrer Ausbildungsrichtung, auf vier Berufsschulen: die kaufmännische Berufsschule, die gewerbliche Berufsschule I und II und die hauswirtschaftliche oder auch Mädchenberufsschule. Im gleichen Zeitraum entstanden Handelsschulen als Vollzeiteinrichtungen und ohne Bindung an Lehr- oder Ausbildungsverhältnisse. Die städtische Handelsschule DA erhielt 1939 den Namen des Begründers des deutschen Zollvereins: Friedrich List.

Berufsschulzentrum am Bürgerpark Nord, um 1975, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

In der Nachkriegszeit wurde das berufliche Schulwesen neu gegliedert. Die neue kaufmännische Vollzeitschule wurde 1950 nach dem Gründer der Firma Merck, Heinrich Emanuel Merck, benannt und bezog 1956 einen Neubau in der Martin-Buber-Straße. 1985 wurde die Heinrich-Emanuel-Merck-Schule in ihrer alten Form aufgelöst und musste zwei Schulformen kaufmännischer Richtung und einen Großteil des Lehrkörpers an die Friedrich-List-Schule abtreten. Heute hat die Heinrich-Emanuel-Merck-Schule nur noch im Beruflichen Gymnasium einen Rest der kaufmännischen Richtung beibehalten und den Schwerpunkt auf die Elektro- und Informationstechnik gelegt. Die kaufmännische Berufsschule DA, die seit 1959 den Namen des Nürnberger Seefahrers und Entdeckers Martin Behaim trug, wurde 1962 geteilt. Der eine Teil verblieb als Martin-Behaim-Schule in der Mornewegstraße, der zweite Teil erhielt anlässlich seines Umzugs in die Julius-Reiber-Straße den Namen Friedrich-List-Schule, den die städtische Handelsschule DA bereits von 1939 bis 1945 getragen hatte. In den 1970er Jahren baute die Stadt DA am Bürgerpark Nord ein „Berufliches Schulzentrum” (Alsfelder Straße  23). In drei „Riegeln” wurden dort neue moderne Räume für drei Schulen errichtet. Die Martin-Behaim-Schule bezog 1976 den ersten Abschnitt des Berufsschulzentrums, Friedrich-List- und Heinrich-Emanuel-Merck-Schule folgten. Die drei aus derselben Wurzel hervorgegangen Schulen waren hier nun räumlich wieder vereint. Die gewerblichen Berufsschulen I und II wurden 1965 nach dem Pionier der Elektrotechnik Erasmus Kittler und dem Darmstädter Jugendstil-Architekten Peter Behrens benannt. Schwerpunkt der Erasmus-Kittler-Schule in der Mornewegstraße 20 ist das Gebiet der Elektrotechnik. Die Bildungsgänge der Peter-Behrens-Schule in der Mornewegstraße 18 mit Außenstellen in der Hermannstraße und der Martin-Buber-Straße sind v. a. gewerblicher, technischer und handwerklicher Art. Die sechste berufliche Schule in DA ist die Alice-Eleonoren-Schule. Sie war 1877 als Haushaltungsschule gegründet und nach der damaligen Großherzogin Alice benannt worden. 1917 wurde ihr der Name der Großherzogin Eleonore angefügt. 1934 wurde die Alice-Eleonoren-Schule mit der Städtischen Haushaltungsschule vereinigt. Bei ihrer Neugründung 1947 erhielt die Berufsschule für Hauswirtschaft, die damals ausschließlich von Mädchen besucht wurde, ihren alten Namen. Heute sind die Schwerpunkte Ernährung und Hauswirtschaft, Gesundheit, Körperpflege, Sozialpädagogik, Textiltechnik und Bekleidung. Im Laufe der Zeit und mit dem Wandel der Berufsbilder sind männliche Schüler hinzugekommen. Neben dem Hauptstandort der Schule am Kapellplatz 2 findet der Unterricht an zwei weiteren Standorten statt. Alle beruflichen Schulen bieten heute in Vollzeit- und Teilzeitunterricht verschiedene Formen der beruflichen Bildung an (Berufliches Gymnasium, Fachoberschule, Fachschule, Berufsschule, Berufsfachschule, Berufsgrundbildungsjahr, Berufsvorbereitungsjahr), die je nachdem die Schülerinnen und Schüler zu verschiedenen schulischen und beruflichen Abschlüssen führen.

Lit.: Trieschmann, Jochen: Das berufliche Schulwesen Darmstadts, Darmstadt 1978.