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Clemm, Ludwig
Ludwig Clemm 1953, Foto: Hessisches Staatsarchiv Darmstadt

Historiker, Archivdirektor
* 04.05.1893 Gießen
† 29.04.1975 Darmstadt
Ludwig Clemm stammte von einer oberhessischen Beamtenfamilie ab. Als Sohn des Gymnasialprofessors Georg Clemm besuchte er das Landgraf-Ludwigs-Gymnasium in Gießen. Danach studierte er in seiner Heimatstadt Geschichte, Germanistik und Geographie v.a. bei dem Mediävisten Johannes Haller (1865-1947), dann in Göttingen und Marburg bei Albert Brackmann (1871-1952) und Edmund Ernst Stengel (1879-1968), bei welchem er nach Unterbrechung durch dreijährigen Kriegsdienst mit der Untersuchung „Der Güterbesitz des Klosters Fulda im östlichen Franken von 743 – 1160“ (Marburg 1921) promoviert wurde. Die Arbeit ist nicht im Druck erschienen.
Clemm heiratete 1922 in Biedenkopf Helene Fuchs (1895-1970), die ebenfalls durch Edmund Ernst Stengel promoviert wurde. Das Paar hatte zwei Kinder.

Seit 1921 war Ludwig Clemm am Staatsarchiv in Darmstadt als Archivreferendar tätig, ein Jahr später als Archivassessor und ab 1931 als Archivrat. Er war kein Mitglied der NSDAP, vielmehr durch familiäre Traditionen stark christlich geprägt (Mitgliedschaft im Göttinger Wingolf, in der Nachkriegszeit auch 20 Jahre Kirchenvorsteher der Paulusgemeinde). Als Archivdirektor des Staatsarchivs Darmstadt zwischen 1937 und 1958 leistete er durch seine landesgeschichtlichen Aktivitäten und seine Erschließungsarbeiten v.a. frühneuzeitlicher Quellen des Staatsarchivs einen wichtigen Beitrag für die hessische Geschichtsforschung und verhalf dem Provenienzprinzip zur endgültigen Durchsetzung im Staatsarchiv. In seine Dienstzeit fiel 1942/44 die Auslagerung eines Teils der Archivbestände und die Vernichtung von rund zwei Drittel der im Darmstädter Schloss zurückgebliebenen Unterlagen durch den Bombenangriff in der Brandnacht am 11.09.1944.Er prägte in den kommenden Jahren das Profil des Staatsarchivs, das sich räumlich, inhaltlich und personell neu aufstellen musste.

Ludwig Clemm war zwischen 1934 und 1949 Vorsitzender des Historischen Vereins für Hessen (1924 bereits Vorstandsmitglied), wurde 1950 zum Ehrenmitglied ernannt und war bis 1966 weiterhin in dessen Vorstand als Schatzmeister tätig. Zwischen 1950 und 1969 stand er der Hessischen Historischen Kommission vor (Mitglied seit 1938 und Vorstandsmitglied bis 1971) und leitete von 1956 bis 1965 die Hessische Kirchengeschichtliche Vereinigung, die er 1949 mitbegründet hatte. Im Vorstand der Hessischen familiengeschichtlichen Vereinigung arbeitete er zwischen 1937 und 1946 mit.Anlässlich seines 70. Geburtstages 1963 widmeten ihm die Hessische Kirchengeschichtliche Vereinigung, der Historische Verein und die Hessische Historische Kommission die Festschrift „Hessische Historische Forschungen“. Als Großherzoglicher Familienarchivar betreute Clemm zwischen 1938 und 1971 das im Staatsarchiv Darmstadt deponierte Haus- und Familienarchiv, dessen Sicherung und Erschließung ihm sehr am Herzen lag.

Clemm publizierte als Mediävist vor allem zur Geschichte geistlicher Stifte wie Ilbenstadt und Flonheim, Konradsdorf und das Oppenheimer Katharinenstift. Er schrieb darüber hinaus zahlreiche Artikel für die NDB und den Hessenband des Handbuchs der historischen Stätten Deutschlands. Er verfasste eine Bibliografie zur hessischen Geschichte 1931 bis 1938, einen nicht im Druck erschienenen biografischen Rückblick („Aus meinem Leben“, 1945) und eine kurze, aber profunde und ebenfalls nicht gedruckte Biografie Ludewigs I. (1953). Er gab u.a. die Zeitschrift „Volk und Scholle: Heimatblätter für beide Hessen, Nassau und Frankfurt a.M.“ heraus (1932-1933, danach Ablösung durch Landschaftsleiter Friedrich Ringshausen (1880-1941) und nationalsozialistische Ausrichtung der Zeitschrift), sowie die Festschrift für den Kirchenhistoriker Wilhelm Diehl (1941), und erschloss zahlreiche Bestände des Staatsarchivs Darmstadt durch Findbücher (u.a. zum sog. „Fischbach-Archiv“; zum Hanau-Lichtenberger Urkundenarchiv; zum Gräflich Erbachischen Samtarchiv, zu den Akten der Oberrheinischen und Mittelrheinischen Reichsritterschaft). Als Wappenreferent des Staatsarchivs entwarf er den Wappenfries des 1935 neu eingerichteten Lesesaals des Staatsarchivs im Schloss (1944 zerstört). 1959 folgte ihm Friedrich Knöpp (1904-1995) als Archivdirektor in Darmstadt nach.

Die Stadt Darmstadt ehrte Ludwig Clemm 1958 mit der Bronzenen Verdienstplakette, 1971 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Ein kleiner Teil seines Nachlasses ist im Staatsarchiv Darmstadt unter Bestand O 61 Clemm archiviert.

Lit.: Friedrich Knöpp: Ludwig Clemm zum Gedächtnis, in: AHG NF 33 (1975), S. 503-510; Friedrich Knöpp: Ludwig Clemm. Nachruf, in: Der Archivar 29 (1976) H. 4, Sp. 453-457; Eva Haberkorn: Archivgeschichte Darmstadts aus erster Hand: Aus den Erinnerungen des Archivdirekors Dr. Ludwig Clemm, in: Archivnachrichten aus Hessen 16 (2016), S. 30-32.