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Berl, Ernst
Foto: TU Darmstadt, Universitätsarchiv

Chemiker
* 07.07.1877 Freudenthal/Schlesien
† 16.02.1946 Pittsburgh/USA
Nach dem Studium an der TH Wien und der TH Zürich, unter anderem bei Nobelpreisträger Alfred Werner, wurde Ernst Berl Assistent bei George Lunge. Im Jahr 1910 wechselte er als Chefchemiker der damals weltweit größten Kunstseidenfabrik nach Tubize/Belgien. Während des Ersten Weltkriegs wurde Berl wegen seiner Spezialkenntnisse in der Nitro-Zellulose-Herstellung leitender Chemiker im österreichischen Kriegsministerium, ab 1916 war er gleichzeitig Privatdozent an der TH Wien. Die TH Darmstadt (TU Darmstadt) berief ihn 1919 auf die o. Professur für Chemische Technologie und Elektrochemie. Von 1921 bis 1924 war er Dekan seiner Fakultät. An der TH Darmstadt begann Berl bahnbrechende Forschungsarbeiten über die innere Struktur von Kunststoffen, Cellulose, Kohle und Öl. Das Institut für Chemische Technologie nahm mit seiner Berufung einen rasanten Aufschwung.

Von 1926 bis 1930 war Berl Vorsitzender der Vereinigung von Freunden der Technischen Universität zu Darmstadt. Mit Beginn des „Dritten Reiches“ wurde Berl als „Nichtarier“ in den Ruhestand versetzt. Zahlreiche seiner Schüler setzten sich daraufhin bei der Hessischen Regierung für Berls Verbleib an der Hochschule ein. Dass ihre Bemühungen als Kritik an der antijüdischen Politik des NS-Regimes aufgefasst werden könnten, wiesen sie entschieden zurück. Es ging ihnen allem Anschein nach um Berls menschliche und vor allem fachliche Qualitäten. Seine Kollegen, die TH-Professoren Lothar Wöhler und Karl Jonas, traten dagegen für eine Entfernung von Berl ein. Im Juli 1933 nahm Ernst Berl schließlich einen Ruf an das Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh, Pennsylvania, an, wo er seine erfolgreiche Forschungstätigkeit bis zu seinem Tod 1946 fortsetzte. Im Jahr 1969 stiftete eine Gruppe von 24 namhaften amerikanischen Wissenschaftlerkollegen eine Berl-Büste, die im kleinen Hörsaal des Instituts für Chemische Technologie aufgestellt wurde. In der TU Darmstadt erinnert seit 2002/2003 das „Ernst-Berl-Institut für Technische und Makromolekulare Chemie“ an diesen angesehenen Wissenschaftler.

Lit.: Wehefritz, Valentin: Wegbereiter der chemischen Technik. Prof. Dr. phil. Ernst Berl. Ein deutsches Gelehrtenschicksal im 20. Jahrhunder, Dortmund 2010; Schmidt, Isabel: Nach dem Nationalsozialismus. Die TH Darmstadt zwischen Vergangenheitspolitik und Zukunftsmanagement (1945-1960), Darmstadt 2015.