Stadtlexikon Darmstadt

Logo Darmstadt
Walther, Oswald Alwin

Mathematiker
* 06.05.1898 Reick bei Dresden
† 04.01.1967 Darmstadt
Oswald Alwin Walther besuchte die Kreuzschule in Dresden, von der er mit vorzeitigem Abitur entlassen wurde, da man ihn 1916 zur Feldartillerie einzog. Nach dreijährigem Militärdienst studierte Walther von 1919 bis 1922 an der TH in Dresden und promovierte dort 1922. Im Anschluss daran war er sechs Jahre als Assistent in Göttingen tätig, wo er sich 1924 habilitierte. Während seiner Lehrtätigkeit ermöglichte ihm ein Rockefeller-Stipendium einen einjährigen Auslandsaufenthalt in Kopenhagen und Stockholm. 1928 wurde Walther als ordentlicher Professor an die TH Darmstadt berufen und errichtete hier das Institut für Praktische Mathematik (IPM), das er bis zu seiner Emeritierung 1966 leitete. Er erfüllte außerdem Lehraufträge an der Bergakademie Freiberg, an der Universität Tschengtu in China und an der Universität Prag. 1955 unterrichtete Walther als Gastprofessor in Berkeley in Kalifornien. Im Zentrum seiner Arbeit standen die Entwicklung von Rechenmaschinen und die Verbreitung des Wissens um Datenverarbeitung. Auf diesem Feld arbeitete er auch während des Nationalsozialismus. Walther, der sich von der NSDAP und ihren Gliederungen fernhielt, engagierte sich im Zweiten Weltkrieg intensiv in der Rüstungsforschung. Walther stieg in dieser Zeit zum „Drittmittelkönig“ der TU Darmstadt auf und konnte sein Institut bis Anfang 1945 auf knapp 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vergrößern. Zu den zahlreichen rüstungswissenschaftlichen Forschungsaufträgen, die Walthers Institut für sämtliche Teile der Wehrmacht durchführte, gehörten u.a. umfangreiche Begleitforschungen zur V2-Rakete im Kontext des „Vorhabens Peenemünde“. In diesem Kontext konstruierten seine Mitarbeiter eine Differentialgleichungsmaschine (DGM), eine Innovation auf dem Gebiet des maschinellen Rechnens, die allerdings erst 1948 in Betrieb genommen werden konnte. Walther kam außerdem in Berührung mit der SS, der er 1944 auf Anfrage zusagte, die Ausbeutung wissenschaftlicher Arbeitskraft in Konzentrationslagern zu unterstützen. Dem „Ahnenerbe“, der Forschungsorganisation der SS, bot Walther an, den künftigen Leiter einer Forschungseinrichtung zu schulen, die in einem KZ aufgebaut werden sollte, um vorgebildete Häftlinge zu langwierigen Rechenaufgaben heranzuziehen. Die Zusammenarbeit wurde aufgrund der Zerstörung seines Instituts 1944 nicht realisiert. In der Nachkriegszeit konnte Walther seine führende Rolle auf dem Gebiet des maschinellen Rechnens beibehalten und das IPM wieder zu einem personalstarken Institut ausbauen. Anfang der 1950er Jahre entwickelte Walther zusammen mit seinen Schülern am IPM den Elektronenrechner DERA (Darmstädter Elektronischer Rechenautomat). Auf Walthers Initiative hin wurden das Deutsche Rechenzentrum in DA und das Internationale Rechenzentrum in Rom eingerichtet. Walther starb nur wenige Monate nach seiner Emeritierung 1966. Das IPM wurde kurz darauf aufgelöst. Walther, der mit der Psychologin Gertrud Walther verheiratet war, erhielt die Silberne Verdienstplakette der Stadt DA.

Lit.: Technische Universität Darmstadt: Technische Bildung in Darmstadt. Die Entwicklung der Technischen Hochschule 1836–1996, Band 4, Darmstadt 1998; Barth, Wilhelm: Alwin Walther – Praktische Mathematik und Computer an der THD, in: Technische Hochschule Darmstadt Jahrbuch 1978/79, Darmstadt, 1979, S. 29-34; Alwin Walther: Pionier des Wissenschaftlichen Rechnens, Wissenschaftliches Kolloquium anläßlich des hundertsten Geburtstages, 8. Mai 1998, Darmstadt 1999, herausgegeben von Hans-Jürgen Hoffmann; Hanel, Melanie:  Normalität unter Ausnahmebedingungen. Die TH Darmstadt im Nationalsozialismus,Darmstadt 2014, S. 314-320, S. 339 ff, S. 372, S. 403 f.; Schmidt, Isabel: Nach dem Nationalsozialismus. Die TH Darmstadt zwischen Vergangenheitspolitik und Zukunftsmanagement, Darmstadt 2015, S. 57-61.