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Rothschild, Ebo

Rechtsanwalt
* 04.11.1902 Londorf
† 02.08.1977 Rechovot/Israel
Ebo Rothschild war der Sohn des Kaufmanns Markus Rothschild aus Londorf und dessen Ehefrau Emma. Nach dem Besuch des Realgymnasiums in Gießen legte er im Februar 1921 die Reifeprüfung ab und studierte an der dortigen Universität ab Mai des Jahres Jura. Im November 1924 schloss er das Studium ab und begann sein Referendariat bei Gerichten und Anwaltspraxen in Mittelhessen. Nach bestandener Staatsprüfung im April 1928 wurde er im Juni zum Gerichtsassessor ernannt und vertretungsweise als Amtsanwalt bei südhessischen Amtsgerichten bestellt. Parallel dazu erfolgte seine Vereidigung als Beamter.

In Darmstadt nahm Rotschild im Oktober 1928 eine vorübergehende Beschäftigung im Büro der Rechtsanwälte Friedrich Mainzer und Hermann Wolf auf. Ein knappes Jahr später erhielt er selbst die Zulassung als Rechtsanwalt beim Landgericht Darmstadt sowie bei der Kammer für Handelssachen in Offenbach. Kurz darauf trat Rothschild endgültig in die Kanzlei von Mainzer und Wolf ein – ob nur als angestellter Rechtsanwalt oder als Sozius war zwischen den Erben umstritten. In einem nach dem Zweiten Weltkrieg ausgetragenen Prozess wurde aber Rothschilds Rolle als Sozius von Mainzer und Wolf anerkannt.
Ebo Rothschilds Karriere als Anwalt endete mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Er wurde am 5. März 1933 aus seinem Büro in der Darmstädter Bismarckstraße 48 von SA-Leuten herausgeholt und zusammen mit dem Rechtsanwalt Friedrich Freund gezwungen, alte Wahlplakate der Linksparteien in unmittelbarer Nähe des Büros „abzukratzen“, fünf Tage später entging er nur knapp einer Attacke auf seine Wohnung. Rothschild vermutete, dass für diese ein ehemaliger Prozessgegner verantwortlich zeichnete, der nun SA-Sturmbannführer war. Mit Wirkung vom 1. Mai 1933 erhielt er Berufsverbot, und wenige Tage später wurde er spät abends durch SA-Leute, zusammen mit Friedrich Mainzer und einer weiteren Person, in Mainzers Privathaus in der Osannstraße 11 verhaftet. Zum Glück für die drei Verhafteten war an der Aktion auch ein Polizist beteiligt, der dafür sorgte, dass sie statt in das „Braune Haus“, der Darmstädter NS-Zentrale, in ein reguläres Polizeigefängnis gebracht wurden.

Ebo Rothschild traf früh die Entscheidung, in die Emigration zu gehen, bemühte sich um Vertretungen für deutsche Firmen im Ausland und erhielt ein Angebot der Deutsche Milchwerke AG aus Zwingenberg/Bergstraße für deren Vertretung in Spanien. Er nahm Spanischunterricht, reiste im Dezember 1933 nach Holland und von dort aus im Januar 1934 weiter nach Paris. An beiden Stationen versuchte er weitere Vertretungsaufträge zu erhalten, aber offenbar ohne Erfolg. Im Februar 1934 reiste Rothschild nach Barcelona, wo er in den Folgejahren zwar die Vertretung für die Deutsche Milchwerke AG abgeben musste, als Angestellter einer spanischen Firma aber technische Produkte deutscher Firmen vertreiben konnte. Um sich dafür das nötige Fachwissen anzueignen, kehrte er im August 1935 noch einmal für etwa 5 Wochen nach Deutschland zurück, um bei den einzelnen Firmen zu hospitierten.

Nach seiner Rückkehr nach Barcelona wurde Ebo Rothschild die Vertretung für Valencia übertragen. Damit einher ging auch eine private Veränderung: Im November 1935 hatte er Grete Ostwald (*29.11.1906-08.10.1986) geheiratet, die bereits 1933 nach Spanien gekommen war. Um sich später selbständig machen zu können, investierten die Rothschilds in Spanien in eine Gasherd-Fabrikation. Mit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs musste die Produktion auf Kriegsproduktion umgestellt werden und die Rothschilds verloren ihr eingesetztes Vermögen. Nach der Geburt ihrer zwei Kinder übersiedelte die Familie aus Furcht vor den näherrückenden Franco-Truppen zunächst von Valencia nach Barcelona und konnte 1938 mit einem Touristenvisum Spanien verlassen. Über Frankreich, wo Ebo Rothschild nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als feindlicher Ausländer kurz verhaftet worden war, reisten sie nach Chile aus.

Rothschild war bis Ende 1954 als Mitarbeiter einer chilenischen Handelsgesellschaft tätig. Im  Oktober 1955 übersiedelte die Familie dann nach Israel und Rotschild versuchte, sich eine Existenz als Landwirt aufzubauen. Er bekam jedoch gesundheitliche Probleme, arbeitete dann in Tel Aviv und erhielt in den frühen 1960er Jahren schließlich einen zweijährigen Arbeitsvertrag im Frankfurter „Central Office der United Restitution Organization“ (URO). In Deutschland verschlimmerte sich sein gesundheitlicher Zustand, sodass sein Vertrag auf ein Jahr reduzierte werden musste. Er war nicht mehr fähig sein eigenes Wiedergutmachungsverfahren und die anderer zu betreiben und kehrte nach Israel zurück, wo er nach jahrelangen schweren Leiden im Krankenhaus von Rechovot verstarb.

Ebo Rothschild hatte am 11. Juni 1954 ein Wiedergutmachungsverfahren eingeleitet, das sich über 30 Jahre hinzog. Das vom Regierungspräsidium Darmstadt geführte Verfahren zeichnete sich dadurch aus, Ansprüche der Familie Rothschild in Abrede zu stellen, unter anderem mit der Behauptung, die von ihm geschilderte Furcht vor möglichen Gefährdungen aufgrund des fortschreitenden Sieges der Franco-Truppen und der Lage in Europa sei alleine seinem subjektiven Empfinden geschuldet gewesen, und für die Weiterwanderung über Frankreich nach Chile habe keine Notwendigkeit bestanden, da „von drohenden nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen […] jedoch weder in Spanien 1938 noch in Frankreich 1939 die Rede sein“ könne. Erst Jahre später kam ein Gericht zu dem Schluss, dass eine objektive Bedrohung des Klägers und seiner Familie angesichts der politischen Situation in Spanien Anfang 1938 und den Erfahrungen in Deutschland nach dem 31. Januar 1933 kaum geleugnet werden könne. Nicht weniger erniedrigend war Grete Rothschilds Kampf um ihre eigene Rente und später den Anspruch auf Witwenrente nach dem Tod ihres Mannes. Für letztere wurden ihr monatlich 18,- DM ab dem 1. September 1977 gewährt. Als sie am 8. Oktober 1986 starb, teilte das Regierungspräsidium am 3. November 1986 die Einstellung der Rentenzahlung mit und verlangte für den Monat November 1986 eine Rückzahlung von 32,- DM.

Lit.: Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, G 21 B Nr. 5267 (vollständig digitalisiert), H 12 DA 8766; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518 Nr. 29002, Abt. 519/A Nr. Gi 26004; Abt. 519/N Nr. 18193; Stadtarchiv Koblenz, Signatur DB 6; Bundesrechtsanwaltskammer (Hrsg.): Anwalt ohne Recht. Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933, Berlin-Brandenburg, 2007; DFG-VK Darmstadt: Schicksale jüdischer Anwälte im Landgerichtsbezirk Darmstadt. (http://dfg-vk-darmstadt.de/Lexikon_Auflage_2/Justiz_SchicksaleJuedischerAnwaelteInDarmstadt.htm)