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Flora Graeca
Foto: Stefan Schneckenburger

Mehr zufällig wurde 2014/15 dieser bibliophile „Schatz“ der ULB gefunden und gehoben. Über die Käufer des Erstdrucks unterrichtet eine in Oxford aufbewahrte Liste: neben dem österreichischen Kaiser Franz I., dem Fürsten Rasumowsky und dem bekannten französischen Botaniker und Industriellen J.P.B. Delessert wird am Ende der Liste ein „Grand duke“ genannt – und das dürfte Großherzog Ludewig I. von Hessen und bei Rhein gewesen sein. Er war es auch, der 1814 den ersten Botanischen Garten in DA gegründet hatte. Durch die Überprüfung sämtlicher Wasserzeichen konnte eindeutig belegt werden, dass es sich bei dem Darmstädter Exemplar, das sich im originalen Auslieferungszustand befindet, um einen Erstdruck handelt – dem einzigen in Deutschland. Bei den anderen drei deutschen Exemplaren in Leipzig, Göttingen und Stuttgart handelt sich um Zweitdrucke oder Mischausgaben, von denen es auch einige gibt.

In der „Flora Graeca“ („Die griechische Pflanzenwelt“) wurde auf knapp 1.000 handkolorierten Bildtafeln im Folioformat erstmals und in einer später nie wieder erreichten Qualität die Pflanzenwelt Griechenlands vorgestellt und wissenschaftlich beschrieben. Die Vorarbeiten reichen in die Jahre 1786/87 zurück: der sehr wohlhabende Oxforder Professor für Botanik John Sibthorp (1758-1796) hatte den östlichen Mittelmeerraum bereist, um die Pflanzenwelt dieser Gegend zu erforschen, begleitet von dem österreichischen Zeichner Ferdinand Bauer (1760-1826). Im Verlauf der Reise skizzierte dieser blühende Pflanzen, Zweige und Blätter mit Graphitstift auf sehr dünnem Papier und fügte einen Nummern-Farbcode bei.

Nach der Rückkehr entstanden ein zweibändiges Einleitungswerk („Prodromus“) und Ferdinand Bauer machte sich an die Herstellung der farbigen Reinzeichnungen, für die er wohl durchschnittlich einen Tag pro Originaltafel gebraucht haben muss. Sibthorp starb 1796 an Tuberkulose, wobei er Fertigstellung und das Erscheinen seines großen Werkes durch eine umfangreiche Stiftung sichergestellt hatte: vor der Errichtung einer Stiftungsprofessur in Oxford musste das Werk mit seinen 1.000 Bildtafeln fertiggestellt und publiziert sein. Obwohl die Universität den ungeliebten Bedingungen zu entkommen suchte, sorgte ein von Sibthorp beauftragter Jurist für die Einhaltung. Die Stiftungserträge erlaubten nur eine schrittweise Fertigstellung, sodass sich die Fertigstellung bis 1840 hinzog. Insgesamt wurden nur 25 Exemplare gedruckt und von Hand koloriert – neben 966 Bildtafeln wurde jeder Band mit einem Frontispiz eröffnet, der eine Landschaftsszenerie mit einem Kranz von Blüten der in dem entsprechenden Band behandelten Pflanzengruppen zeigte. So mussten also etwa 25.000 Bildtafeln gedruckt und einzeln koloriert werden! Der Preis war astronomisch: ein Set kostete den Käufer 324 Pfund (das jährliche Salär eines Professors betrug etwa 70 Pfund). Der Herstellungspreis lag bei 620 Pfund; die Differenz trug die Stiftung. Nach dem Erscheinen wurde entstand ein zweiter, fast völlig unveränderter und wesentlich preiswerterer Druck in einer Auflage von noch einmal etwa 25 Exemplaren.

Kaufbelege gibt es in DA nicht; ein in einem der Bände von einem Juristen im Jahr 1857 vergessener Leihzettel belegt zweierlei: das Exemplar befand sich damals in der Großherzoglichen Bibliothek und deren Nutzer schmökerten und blätterten in den Beständen. Der Zustand der Bände war teilweise sehr schlecht: sie zeigten deutliche Gebrauchsspuren, waren verschmutzt und teilweise im Rücken gebrochen. Die notwenige Restaurierung wurde durch eine Spende der drei Darmstädter Rotary-Clubs ermöglicht. Das komplette Werk steht als Digitalisat zur Verfügung: tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/gr-Fol-3-340

Lit.: Harris, Stephen: The Magificent Flora Graeca, Oxford, Bodleian Library 2007; Lack, W. mit Mabberley, D.J.: The Flora Graeca story. Sibthorp, Bauer, and Hawkins in the Levant. – Oxford 1999; Schneckenburger, Stefan / Schellhaas, Kirstin / Uhlemann, Silvia: Griechenland in Südhessen. Die Darmstädter „Flora Graeca“, Ausstellungskatalog, hrsg. von TU Darmstadt, 2016.