Stadtlexikon Darmstadt

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Eberstadt
Grabplatte für Johann VII. zu Frankenstein (+ 1400) in der Eberstädter Dreifaltigkeitskirche, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Stadtteil im Süden DAs mit gegenwärtig ca. 23.000 Einwohnern (September 2004), bis zur Eingemeindung nach DA im Jahr 1937 selbstständige Gemeinde im damaligen Kreis DA. Erstmals erwähnt wurde Eberstadt in einer Schenkungsurkunde vom 01.09.782 im Lorscher Kodex, einem Besitzverzeichnis des karolingischen Reichsklosters Lorsch, mit der die Adligen Walter und Willeswind ein Gehöft in Eberstadt an das Kloster Lorsch übereigneten. Bodenfunde belegen eine erste Besiedlung der Eberstädter Gemarkung während der Kupfer- und Bronzezeit. Am nördlichen Ortsrand wurden 1935 in einer Grabstelle vier Skelette der so genannten Glockenbecherleute (1900-1700 v. Chr.) ergraben, die man in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen gerne als die „ältesten Eberstädter“ bezeichnet. Von der bronzezeitlichen Urnenfelderkultur (1600-1300 v. Chr.) blieb ein Grab am Steigertsweg zurück. Als gesichertes Bodendenkmal aus der Römerzeit gelten einige Mauerreste auf dem Schleifberg unterhalb des Mathildentempels, die einem kaiserzeitlichen Gehöft zugeschrieben werden. Von einer größeren Ansiedlung erfährt man zuerst in fränkischer Zeit durch die 782 beurkundete Schenkung an das Kloster Lorsch. Für ihre Entstehung dürften zwei noch von den Römern herrührende Straßen, das Wasser der Modau und die schützenden Flugsanddünen ausschlaggebend gewesen sein. Über das Kloster Lorsch gelangte Eberstadt noch in fränkischer Zeit in die Hände der Ritter von Weiterstadt, die die Besitzung als Untervögte des Klosters verwalteten. Als sich Adelheid von Weiterstadt mit Konrad Reiz von Breuberg, dem Erbauer der Burg Frankenstein und Stifter des gleichnamigen Adelsgeschlechts Mitte des 13. Jahrhunderts verheiratete, brachte sie Eberstadt als Mitgift in die Ehe ein. Nachdem sich das Haus Frankenstein in den 1360er Jahren in zwei Linien aufgespalten hatte, wurde auch ihre kleine Eberstädter Herrschaft geteilt: nördlich der Modau saß die jüngere Linie, im Süden die ältere, beide jeweils mit eigenen Schultheißen und Ortsgerichten. Konnten die beiden Frankensteiner Herrschaften unter den Grafen von Katzenelnbogen eine relative Selbstständigkeit bewahren, so änderte sich dies mit dem Erbfall der Grafschaft an die Landgrafschaft Hessen. Unter Landgraf Philipp dem Großmütigen, erst recht aber mit der Gründung der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt unter Georg I. begann die schrittweise Vereinnahmung der Frankensteiner Herrschaften in die Landgrafschaft, die der 1661/62 vollzogene Verkauf an die Landgrafen von Hessen-Darmstadt abschloss. Das 18. Jahrhundert bescherte einen kurzlebigen wirtschaftlichen Aufschwung unter Landgraf Ernst Ludwig, den er und sein Nachfolger allerdings mit der Auferlegung immenser Jagdlasten (Jagdgeschichte) und der Einquartierung der Dragoner konterkarierten. Eine Wende zeichnete sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts unter Landgraf Ludwig IX. ab, der den Ort von diesen Lasten befreite und so wieder die Voraussetzungen für ein gesichertes Wirtschaften schuf. Mit den Napoleonischen Reformen hielten zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch neue Bürgerfreiheiten ihren Einzug in Eberstadt. Ihr sichtbarstes Zeichen war die Gemeindereform von 1821, die Bürgermeister und Gemeinderat ein neues Maß an Verantwortung für die Ortspolitik auferlegte. Mit der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte die allmähliche Ablösung der überlieferten agrarischen Strukturen durch eine zunehmende Urbanisierung ein. Sie erreichte ihren Höhepunkt unter den Bürgermeistern Peter Pfeiffer (1890-96) und Wilhelm Schäfer II. (1896-1914), als binnen zweier Jahrzehnte die Infrastruktur eines modernen städtischen Gemeinwesens geschaffen wurde mit Volksbibliothek (1890), Wasserwerk (1893), Gas- und Elektrizitätswerk (1899), Schwimmbad (1899), Telefon (1899) und Kanalisation (ab 1905). Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Einrichtung des ersten Kinos (Kinos in DA) in der Gaststätte „Zur Harmonie“ (1915) und die Gründung zweier örtlicher Zeitungen: „Neue Eberstädter Zeitung“ (1902) und „Eberstädter Nachrichten“ (1921). Die zeitgemäße Modernisierung des Orts wurde politisch abgerundet mit der Einsetzung Curt Ueckers als des ersten hauptamtlichen Bürgermeisters im Jahr 1928. In die Zeit des Nationalsozialismus fiel die 1937 vollzogene Eingemeindung nach DA, die gleichwohl bereits während der Weimarer Republik vom hessischen Innenminister Wilhelm Leuschner angedacht worden war. Der rassistischen Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten fielen nahezu die gesamte jüdische Gemeinde und die Eberstädter Synagoge zum Opfer. Von den Luftangriffen während des Zweiten Weltkriegs waren die im Süden Eberstadts eingerichtete Heeresmunitionsanstalt (MUNA) und die Kirchstraße betroffen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Rückkehr zu demokratischen Verhältnissen wusste man sowohl in Eberstadt als auch in DA gegenseitigen Nutzen aus der Zugehörigkeit Eberstadts zu DA zu ziehen. Beteiligte sich Eberstadt anfänglich aktiv an der Behebung der Darmstädter Wohnraumnot (Kirchtannensiedlung), so profitierte es später von den Investitionen der Stadt DA in seine Infrastruktur (Mühltalbad, Ludwig-Schwamb-Schule, Kanalisation). Letztlich schuf diese von Ortsverwalter Fritz Dächert (1945-63) und den Eberstädter Parteien eingeleitete Politik praktischer Solidarität und Gegenseitigkeit auch die Voraussetzungen dafür, dass sich die weitere Entwicklung Eberstadts nur noch im engsten Zusammenhang mit der Stadt DA vollziehen konnte.

 

Häuserzeile in der Eberstädter Waldstraße, 1959, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Das heutige Ortsbild wird nahezu vollständig von den baulichen Erweiterungen des 19. und 20. Jahrhunderts bestimmt. Klar erkennbar ist noch der historische Ortskern unterhalb des Kirchbergs zwischen Ober-, Odenwald-, Kirch- und Heidelberger Landstraße. Die Platzierung der Dreifaltigkeitskirche auf der zentralen Eberstädter Flugsanddüne lässt sich in ihren baulichen Anfängen (Laurentiuskirche, um 1520) auf die spätmittelalterliche Ansiedlung zurückdatieren und aus der Periode der Frankenstein’schen Ortsteilung ist im Rathaus (1847) noch das Kellergewölbe der zuletzt Schönburg’schen Kellerei vorhanden. Von der Zeit des Aufschwungs nach dem Dreißigjährigen Krieg zeugen die ehemaligen Mühlengebäude (Mühlen in Eberstadt), Brauereien, Einstellhöfe und Gerbereien in der Ober- sowie in der Heidelberger Landstraße. In einem besonderen Maße ortsbildprägend wirkte sich die Bauspekulation der Gründerjahre aus, mit der Eberstädter Bauunternehmer auf die Industrialisierung und den damit einhergehenden Bevölkerungszuwachs reagierten. Für Handwerker und Industriearbeiter errichteten sie nach 1875 eine größere Anzahl typisierter und giebelständiger Wohnhäuser mit seitlichen Toren, die sich nach dem Vorbild der fränkischen Hofreite zu den ortstypischen geschlossenen Straßenfronten aneinander reihten (Weingarten-, Wald- und Ringstraße, An der Eschollmühle). An das wohlhabende Großbürgertum DAs richtete sich die 1898 begonnene und im Wesentlichen in den 1930er Jahren abgeschlossene Villenkolonie Eberstadt in dem Waldgebiet entlang der Heidelberger Landstraße. Die Villenkolonie erweiterte die Bebauung Eberstadts signifikant nach Norden und führte sie bis an die Bessunger Gemarkungsgrenze heran. Erste Ansätze des Siedlungsbaus gaben sich mit der 1933 begonnenen Siedlung am Lämmchesberg zu erkennen. Die große Zeit des Siedlungsbaus kam freilich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich dem Wohnungsbau mit der kriegsbedingten Wohnraumnot und den Bedürfnissen der Wohlstandsgesellschaft neue Herausforderungen von bislang unbekannter Größenordnung stellten. Hierher gehören die Kirchtannensiedlung im Süden Eberstadts (1945-58), die Ostpreußensiedlung im Südwesten (Grundsteinlegung 1963) und die modernen Hochhaussiedlungen Süd I und II mit eigener Infrastruktur östlich der Kirchtannensiedlung (seit 1964). Für Offiziere der US-Armee wurde westlich der Villenkolonie 1956-57 die St. Barbara-Siedlung errichtet.

Der im ausgehenden 19. Jahrhundert stattfindende Strukturwandel Eberstadts von einer dörflich geprägten Gemeinde zum städtisch organisierten Vorort DAs spiegelte sich möglicherweise nirgends deutlicher als im Schulbau. Bereits die Georgenschule (1880) hatte Eberstadts Schulwesen aus der dörflichen Enge seiner Vorläufer befreit, aber erst die beiden wilhelminischen „Schulkasernen“ an der Gabelsbergerstraße zeigten, inwieweit Eberstadt im frühen 20. Jahrhundert bereits als Einzugsgebiet kleinstädtischer Größenordnung eingeschätzt wurde (Ernst-Ludwig-Schule, 1902, Eleonorenschule, 1907-08). Alle weiteren Eberstädter Schulbauten datieren aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und folgten mit ihrer Lage und Erbauungszeit den neuen Großsiedlungen: Ludwig-Schwamb-Schule (1958-59) in der Kirchtannensiedlung, Andersenschule (1965-66) in der Ostpreußensiedlung, Wilhelm-Hauff-Schule (1970, 73, 75) in Eberstadt Süd und die Frankensteinschule (1969-70) im nördlichen Erweiterungsgebiet der Villenkolonie. Als einzige Schule nicht-städtischer Trägerschaft besteht seit 1983 die Waldorfschule nahe der Eschollmühle (1981-83). Noch um 1970 waren Industrieanlagen in die Wohnbebauung des Eberstädter Ortskerns eingebettet. Betriebsverlagerungen und Insolvenzen haben die zeitgemäße Entflechtung der beiden Nutzungsweisen ebenso begünstigt wie die in den 1970er Jahren von der Stadt DA verfolgte Strukturpolitik, die neue Industriegebiete an der Pfungstädter Gemarkungsgrenze auswies. Dort haben sich in jüngster Zeit hauptsächlich Unternehmen aus den Branchen der Informationstechnologie angesiedelt.

Die vorindustrielle Wirtschaftsstruktur Eberstadts am Ende des 18. Jahrhunderts war vornehmlich von agrarischen und manufakturellen Gewerben geprägt, die vom Wasserreichtum der Eberstädter Gemarkung profitierten. An erster Stelle stand das geschichtsträchtige Mühlenwesen entlang der Modau, hinzu kamen zahlreiche Brauereien und Brennereien, denen auch die Eberstädter Landwirtschaft mit dem Anbau von Kartoffeln, Getreide und Obst zuarbeitete. Durch Eberstadts Lage an der für den Nord-Süd-Verkehr wichtigen Bergstraße war auch das Gastgewerbe mit seinen Herbergen, Wirtschaften und Einstellhöfen von nicht unbeträchtlicher Bedeutung. Als Eberstadt nach der Eröffnung der Main-Neckar-Eisenbahn (Eisenbahn) im Jahr 1846 sukzessive in den Sog der Industrialisierung geriet, wurde es v. a. für Unternehmen der Eisen- und Papierindustrie als Firmensitz interessant. Zu nennen sind die Eisenwerke Adolf Riesterer am Eberstädter Bahnhof (gegründet 1886, stillgelegt 1976, Bahnhöfe) und die am Steigertsweg gelegene, seit 1933 bestehende Maschinenfabrik Press. Zwei weitere Maschinenfabriken kamen nach 1945 auf Initiative der 1908 gegründeten Backwarenfabrik Josef Wolf nach Eberstadt. Unter dem Dach der Josef Wolf KG entstand 1948 zunächst die „PAWO Spezialformwalzen und Maschinen KG“ und 1950 begann Otto Kremmling an der Heidelberger Landstraße mit dem Neuaufbau seiner in der Ostzone enteigneten Spezialmaschinenfabrik für die Gebäck- und Schokoladenindustrie. Von den noch 1914 bekannten fünf Papierfabriken haben sich nur drei längerfristig behaupten können und zwar die Klebe GmbH (1862 in Eberstadt gegründet, 1950 nach DA), die Papierfabrik Heil am Eberstädter Bahnhof und die Firma Papiermüller in der Pfungstädter Straße (1890-1987). Eberstädter Unternehmen von überregionaler Bedeutung im 20. Jahrhundert waren die Hefefabrik Josef Pleser gegenüber dem Güterbahnhof (1904 gegründet, Produktion in Eberstadt 1996 stillgelegt) und die 1948 von Hans Erich Dotter ins Leben gerufene Haarkosmetikfirma GOLDWELL AG. Mit der Software AG an der Uhlandstraße fand nicht nur ein herausragendes Beispiel zeitgenössischer organischer Architektur den Weg nach Eberstadt (1984/89), sondern das Unternehmen gab auch den Startschuss für die Ansiedlung weiterer Unternehmen aus der IT-Branche im Industriegebiet Eberstadt Südwest (1990 Computer Associates, 1991 Sündorf GmbH).

Kulturzentrum Ernst-Ludwig-Saal nach der Renovierung 1990, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Als öffentliche Einrichtungen Eberstadts sind erwähnenswert: Für das Tanzinstitut der Amerikanerinnen Elizabeth und Isadora Duncan ließ Großherzog Ernst Ludwig 1910-11 auf der Marienhöhe die Elizabeth-Duncan-Schule errichten. In den 1914 aufgegebenen Schulgebäuden eröffneten 1925 die Adventisten vom Siebenten Tag das Seminar Marienhöhe als Missionsschule mit einem daran angeschlossenen, staatlich anerkannten Gymnasium (seit 1927). Die 1950/51 von DA nach Eberstadt verlegte Ev. Marienschwesternschaft unterhält an der Heidelberger Landstraße ein Evangelisationszentrum mit dem Namen „Kanaan“, zu dem u. a. das Mutterhaus (1950-52), die Jesu-Ruf-Kapelle (1961) und ein Altenpflegeheim gehören. Die Städtischen Kliniken übernahmen 1946 die 1903 errichtete Landesprovinzial-Pflegeanstalt an der Seeheimer Straße und erweiterten sie in den folgenden Jahrzehnten zur Zweigklinik des Stadtkrankenhauses (Klinikum DA) mit Augenklinik, HNO-Klinik, Hautklinik, Angiologie und Schlaganfallstation. Von der Landesjustizverwaltung wurde an der Eberstädter Galgenschneise bis 1969 die JVA „Fritz-Bauer-Haus“ fertig gestellt, die ein Untersuchungsgefängnis und eine Jugendstrafanstalt in sich vereinigt. Neue Kulturzentren konnten – von Bürgerinitiativen getragen – seit 1983 in mehrere denkmalgeschützte Gebäude des Eberstädter Ortskerns einziehen. Den Anfang machte das 1983 fertig gestellte Haus der Vereine in der ehemaligen Brauerei Oberstraße 16; es folgte das vom Eberstädter Bürgerverein seit 1983 in Selbsthilfe verwirklichte Heimatmuseum in der Geibelschen Schmiede Oberstraße 20, und am Ende stand die Wiedereröffnung des „Ernst-Ludwig-Saals“ in der Schwanenstraße (1990). Der ehemalige Anbau an die 1992 abgerissene Gastwirtschaft „Zum Schwanen“ aus dem Jahre 1906 besaß eine bis 1915 zurückreichende Tradition als Theaterspielstätte und so war es nur folgerichtig, dass dort im Jahr 2000 auch das Amateurtheater „Frankensteinbühne“ seinen Einzug hielt. Die Stadt DA stellte Eberstadt einen weiteren repräsentativen Veranstaltungsraum zur Verfügung, indem sie den Rathaussaal denkmalgerecht wiederherstellen ließ (2002). Eine Eberstädter Besonderheit stellt das 1995 von einem Biologen gegründete Streuobstwiesenzentrum am Steckenbornweg dar (Streuobstwiesen), das dem Erhalt des Landschaftsschutzgebiets am Prinzenberg gewidmet ist.