Stadtlexikon Darmstadt

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Nationalsozialismus
Wahl Heinrich Müllers zum Darmstädter Oberbürgermeister im Sitzungssaal der Stadtverordneten im Alten Rathaus, 27.07.1933, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Die letzten Jahre der Weimarer Republik (Volksstaat Hessen) waren überall, so auch in DA durch schwere Krisen, politische Instabilität bis hin zu anarchischen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen gekennzeichnet, fast pausenlos gab es politische Versammlungen und Demonstrationen, die nicht selten mit Saalschlachten endeten. Auslöser waren häufig die Kampforganisationen SA (Nationalsozialisten) und Eiserne Front (SPD und Gewerkschaften), politische Polarisierung zum rechten und linken politischen Spektrum, während die etablierten Parteien immer mehr Zuspruch verloren. Bei der Stadtverordnetenwahl am 17.11.1929 errang die NSDAP zehn Prozent der Stimmen und zog mit fünf Abgeordneten als drittstärkste Fraktion in das Stadtparlament ein. Seit 1931 waren die Nationalsozialisten mit 37 Prozent der Stimmen stärkste Partei im Hessischen Landtag. Am 13.11.1931 sprach Adolf Hitler vor 20.000 Zuhörern in der Festhalle. Bei der Reichstagswahl am 05.03.1933 stimmten genau 50 Prozent der Darmstädter für die NSDAP. Am nächsten Tag wehte die Hakenkreuzfahne über dem Landtag am Luisenplatz und am Rathaus. Landtag und Stadtverordnetenversammlung wurden mit genehmen Personen besetzt und faktisch aufgelöst bzw. zu reinen Akklamationsorganen der NS-Führung.

Auch die Gewerkschaften wurden aufgelöst bzw. in die NS-Organisation der „Deutschen Arbeitsfront“ überführt (Besetzung des Gewerkschaftshauses in der Bismarckstraße am 02.05.1933). OB Rudolf Mueller, die Bürgermeister Heinrich Delp und Friedrich Ritzert sowie weitere städtische Beamte wurden entlassen. Nach zwei Interimskandidaten wurde im März 1934 Otto Wamboldt ohne Wahl als neuer OB in sein Amt eingesetzt. Der Landesregierung wurde durch Unterstellung unter den NSDAP-Gauleiter Jakob Sprenger ihre Selbständigkeit entzogen. Viele Beamte, Lehrer und Künstler in Behörden, TH, Theater u. a. erhielten ihre Entlassung. Alle Bereiche des öffentlichen Lebens, Verwaltungen, Vereine, Schulen und Organisationen, etwa Industrie- und Handelskammer und Handwerkskammer, wurden gleichgeschaltet, d. h. streng hierarchisch nach dem Führerprinzip organisiert und ideologisch auf die Linie der NSDAP gebracht. „Undeutsche“ Literatur ließen die Nationalsozialisten aus Bibliotheken und Universitäten entfernen und am 21.06.1933 öffentlich verbrennen (Bücherverbrennung). In den Schulen hatte die Erziehung zu nationalsozialistischer Weltanschauung Vorrang vor dem Erwerb von Fachkenntnissen in den einzelnen Fächern. Als Hilfspolizisten vereidigte SA-Trupps übten Terror aus und rächten sich an den Verteidigern der Republik, an Sozialdemokraten, Gewerkschaftlern und Kommunisten, die teils zusammengeschlagen, teils verhaftet und in die neu errichteten Konzentrationslager – z. B. Osthofen bei Worms – tranportiert wurden (Wilhelm Leuschner, Carlo Mierendorff, Georg Fröba u. a.).

Zur Überwachung aller politischen Gegner wurde ab 1933 die Geheime Staatspolizei gebildet und allmählich zu einer eigenständigen Behörde und gefürchteten politischen Polizei ausgebildet. Sie hatte in DA ihren Sitz in der Wilhelm-Glässing-Straße und ab 1942 im Neuen Palais. Zur raschen Aburteilung politisch Missliebiger wurde schon im März 1933 wie im gesamten Reich beim Landgericht das Sondergericht DA gebildet, das auf der Grundlage von Verordnungen unter Ausschluss des Rechtswegs willkürliche Urteile gegen Oppositionelle fällte. Auch der gefürchtete Berliner Volksgerichtshof hielt in DA Gerichtstage ab. Sonderjustiz und Gestapo gingen gemeinsam gegen die sich bildenden Widerstandsgruppen vor. Kleine illegale Gruppen von Gewerkschaftern, Mitgliedern von KPD und SPD wurden nach und nach aufgedeckt, ihre Mitglieder vom Sondergericht zu hohen Haftstrafen verurteilt. Bereits im März 1933 setzten Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte ein. Immer mehr Zwangsmaßnahmen gegen Juden wurden erlassen, Maßnahmen der Rassendiskriminierung wie das Verbot, Museen, Bäder und Kinos zu besuchen. Jüdische Geschäftsinhaber mussten ihre Geschäfte aufgeben. Viele bekannte Namen verschwanden aus dem Straßenbild, etwa die Kaufhäuser Rothschild (Henschel), Rehfeld (Wronker) und Tietz (Marktplatz), die Möbelfirma Trier, das Porzellangeschäft Rosenthal am Ludwigsplatz (von Nitzsche übernommen), das Schuhhaus Speier (Hermann Dielmann), das Textilhaus Hachenburger u. v. a. Die jüdische Gemeinde reagierte auf die nationalsozialistischen Anfeindungen durch die Organisation einer umfassenden Selbsthilfe. Unter den Augen der Gestapo wurden viele Juden in andere Berufe umgeschult und auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet. Nach dem Ausschluss der Juden aus den Darmstädter Sportvereinen erhielten die jüdischen Sportvereine regen Zulauf (Sport in DA). Gleiches galt für die jüdischen Schulen, in denen aus dem Staatsdienst entlassene jüdische Lehrer eine wachsende Zahl Schüler unterrichteten (Juden in DA).

Neben dem Boykott jüdischer Geschäfte wurde die „neue Zeit“ den Darmstädtern offenkundig durch die Umbenennung zahlreicher Straßen und Plätze. Aus dem Luisenplatz wurde der Adolf-Hitler-Platz, die Rathenau-Anlage (heute August-Buxbaum-Anlage) hieß jetzt Horst-Wessel-Anlage, die Wilhelminenstraße Peter-Gemeinder-Straße und der Rhönring Schlageterstraße. Nach Juden benannte Straßen wie Otto-Wolfskehl-Straße und Alfred-Messel-Weg verschwanden ebenfalls.

Abordnung des Nationalsozialistischen Studentenbundes am 01.05.1939 am Schlossgartenplatz/Pallaswiesenstraße, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Das Leben in der NS-Zeit zeichnete sich durch Vereinnahmung der Menschen durch die Partei und deren Organisationen aus, deren systematisches Vorgehen von vielen Menschen nicht durchschaut wurde. Alle Schüler und Schülerinnen sollten Mitglied in der „Hitler-Jugend“ und im „Bund Deutscher Mädels“ sein. Wenn die Mitgliedschaft in diesen Organisationen auch zunächst formal freiwillig war, wurde doch in Schule und Öffentlichkeit ein großer Druck ausgeübt, dort beizutreten. Die Arbeiter sollten nach Beseitigung der Gewerkschaften der Deutschen Arbeitsfront beitreten, Studenten dem NS-Studentenbund; Sportvereine mussten dem Reichsbund für Leibesübungen, Schriftsteller und Künstler der Reichskulturkammer beitreten. Arbeitersportvereine, der Arbeiter-Samariterbund und andere als „marxistisch“ angesehene Gruppierungen wurden ebenso verboten wie die Logen der Freimaurer und der Rotary-Club. Nachdem sozialistische oder liberale Zeitungen wie der „Hessische Volksfreund“, der „Hessische Beobachter“ (beide 1933) und schließlich 1935 auch die „Darmstädter Zeitung“ verboten worden waren, konnten sich die Darmstädter nur noch aus der parteiamtlichen „Hessischen Landeszeitung“ informieren. Ausstellungsprogramme von Kunsthalle – hier wurde 1936 die Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt – Mathildenhöhe und Hessisches Landesmuseum wurden ebenso gesäubert wie der Spielplan des Landestheaters. Die Kunstschätze aufgelöster Künstlervereinigungen und des Ständigen Rats zur Pflege der Kunst in Hessen bildeten die Grundlage der 1937 gegründeten Städtischen Kunstsammlung.

Als Erfolge konnten die Nationalsozialisten die Beseitigung der Arbeitslosigkeit und des Wohnungsmangels vermelden. Die Darmstädter Industrie stellte seit 1934 zunehmend Mitarbeiter ein. In der Heimstättensiedlung, in der Waldkolonie (die „Frontkämpfersiedlung“), in Bessungen, im Ostviertel am Ostbahnhof und am Woog entstanden Wohnblocks und Einfamilienhäuser. Als nationalsozialistische Errungenschaft wurde auch die Einweihung der Reichsautobahn (Autobahn) nach Frankfurt/Main und Heidelberg im Frühjahr 1935 gefeiert, obwohl man die 1929 ausgearbeiteten Pläne einfach übernommen hatte. Aus Darmstädter Sicht ein Erfolg waren auch die Eingemeindung Arheilgens und Eberstadts gegen den Willen der beiden Orte, womit DA zur Großstadt mit 110.000 Einwohnern aufstieg, sowie die Erhebung zur kreisfreien Stadt am 01.10.1938. Vorboten des kommenden Kriegs waren einerseits die Wiederherstellung der Wehrhoheit, die zur Aufstellung neuer Regimenter und dem Bau neuer Kasernen in DA führte (Garnison; Cambrai-Fritsch-Kaserne), zum anderen die Gründung des Reichsluftschutzbunds, dessen Zwangsschulungen seit Oktober 1936 die Darmstädter auf das Verhalten bei Fliegerangriffen vorbereiteten. Mit der Verfügung der „Verdunkelung“ am 03.09.1939 begann auch für DA der Zweite Weltkrieg, welcher der Stadt die schlimmste Katastrophe ihrer Geschichte bescheren sollte.

Im November 1938 wurden alle jüdischen Schüler von den Darmstädter Schulen verwiesen. Kurz zuvor hatten Angehörige von SA und SS in der Nacht vom 9. zum 10. November die beiden Darmstädter Synagogen in der Bleichstraße und der Friedrichstraße sowie die Synagogen in Eberstadt und anderen Orten der Umgebung angezündet und zerstört. Am Morgen des 10. November wurden noch bestehende jüdische Geschäfte gestürmt und alles Mobiliar zerschlagen, beim Spielwarenhändler Ullmann in der Elisabethenstraße, beim Tuchhändler David, beim Kaufmann Haas in der Kleinen Ochsengasse und anderswo. Aaron Reinhardt, Herausgeber des „Arheilger Anzeigers“, erhängte sich, als er vom Tod seiner Tochter erfuhr, die in Panik aus dem Fenster gesprungen war. Zu diesem Zeitpunkt hatten schon viele Juden DA verlassen. Im Dezember wurden die Besitzer der letzten jüdischen Betriebe gezwungen, diese zu veräußern. 1938 bis 1940 wanderten noch etwa 500 Darmstädter Juden aus. Trauriger Höhepunkt des Leidens der Juden waren die Transporte, mit denen die „Endlösung“ der Judenfrage auch in DA durchgeführt wurde. Im März und September 1942 und im Februar 1943 gingen in insgesamt drei Transporten, für die als Sammellager die Justus-Liebig-Schule genutzt wurde, die Juden aus DA und Umgebung in die Konzentrations- bzw. Vernichtungslager Theresienstadt, Auschwitz u. a. Auch die Darmstädter Sinti, die zum großen Teil in der Altstadt lebten, wurden ein Opfer des Völkermords. Im März und im Mai 1943 wurden sie nach Auschwitz deportiert, wo die allermeisten umkamen. Am Darmstädter Güterbahnhof und am Ludwig-Metzger-Platz erinnern Mahnmale an die Deportation der Juden und der Sinti (s.a. Juden in DA).

Russische Zwangsarbeiter der Städtischen Betriebe Darmstadt auf dem Luisenplatz, Juni 1943, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Der politische Widerstand lebte trotz aller Verfolgungsmaßnahmen weiter. Zellen des Widerstands in Hessen und Rheinland-Pfalz wurden bereits seit Ende der 1930er Jahre wieder aufgebaut und nach Kriegsbeginn verstärkt aktiv. Konspirativer Leiter dieser Organisation war u. a. Ludwig Schwamb. Er hatte verschiedene Verbindungsleute, in DA z. B. Heinrich Zinnkann, bis 1933 SPD-Fraktionsvorsitzender im Darmstädter Landtag. Es gab auch Kontakte zu Ludwig Bergsträsser. Der frühere Stadtverordnete Georg Fröba bezahlte sein Wirken in einer kommunistischen Widerstandsgruppe mit dem Leben. Auch zu den Opfern des gescheiterten Attentatversuchs auf Hitler am 20.07.1944, der Widerstandsbewegung des Kreisauer Kreises, der seinen Namen dem schlesischen Landgut des Grafen Helmuth James von Moltke, des Leiters der Gruppe verdankte, gehörten einige Darmstädter. In diesem Kreis trafen sich konservative Adlige und Militärs mit Vertretern der christlichen Kirchen und Arbeiterführern, um eine neue Ordnung für das deutsche Volk nach dem Sturz des Hitler-Regimes auszuarbeiten. Dem Kreis gehörten der Dieburger Jesuitenpater Alfred Delp, die Darmstädter Theodor Haubach, Carlo Mierendorff, Ludwig Schwamb und Wilhelm Leuschner an, die ihren Widerstand mit dem Leben bezahlten. Zu den führenden Köpfen der kommunistisch getragenen Spionage- und Widerstandsorganisation „Rote Kapelle“ gehörte der am 24.05.1901 in DA geborene Arvid Harnack, Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium. Er wurde im August 1942 verhaftet, wegen Landesverrats zum Tode verurteilt und am 22.12.1942 in Berlin-Plötzensee hingerichtet (an seinem Geburtshaus in der Hochstraße 68 erinnert seit 2002 eine Gedenktafel an ihn). An demselben Tag starb in Plötzensee Elisabeth Schumacher, geb. Hohenemser (*28.04.1904 in DA), die als Mitglied der „Roten Kapelle“ bei der Herstellung und Verbreitung verbotener Flugschriften half.

Die Darmstädter mussten seit 1940 insgesamt 35 Luftangriffe über sich ergehen lassen (Brandnacht). Nach der Zerstörung der Stadt in den beiden Großangriffen der Engländer am 11./12.09. und der Amerikaner am 12.12.1944 war in der Trümmerstadt DA, in der gerade noch 50.000 Menschen mehr vegetierten als lebten, das geordnete Leben zum Erliegen gekommen. Landes- und Stadtverwaltung saßen provisorisch in Ausweichquartieren, die Schulen waren ebenso geschlossen wie Theater, Museen, Büchereien, Kinos u. a. Der gesamte Lebensalltag bestand nur noch aus Provisorien. Alle Siegesparolen von Funktionären ließ man über sich ergehen, bis am 25.03.1945 die einmarschierenden Amerikaner die Epoche des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg für DA beendeten.

Lit.: Pingel-Rollmann, Heinrich: Widerstand und Verfolgung in Darmstadt und der Provinz Starkenburg 1933-1985, Darmstadt und Marburg 1985 (Quellen und Forschungen zur Hessischen Geschichte 54); Darmstadts Geschichte. Fürstenresidenz und Bürgerstadt im Wandel der Jahrhunderte, von Friedrich Battenberg, Jürgen Rainer Wolf, Eckhart G. Franz, Fritz Deppert. Gesamtredaktion: Eckhart G. Franz, Darmstadt 1980, 2. Aufl. 1984, S. 448-484; Handbuch der hessischen Geschichte, S. 913-933; Franz, Eckhart G. (Hrsg.): Juden als Darmstädter Bürge, Darmstadt 1984; Ulrich, Axel: Politischer Widerstand gegen das »Dritte Reich« im Rhein-Main-Gebiet, Wiesbaden 2005; Lange, Thomas: Eine Generation wächst in die Diktatur. Jugend in Darmstadt in den Zwanziger und Dreißiger Jahren, Darmstadt 1997 (Geschichte im Archiv. Darmstädter Archivdokumente für den Unterricht 4); Initiative „Gedenkort Güterbahnhof Darmstadt“ (Hrsg.): Darmstadt als Deportationsort. Zur Erinnerung an die unter dem Nazi-Regime aus dem ehemaligen Volksstaat Hessen deportierten Juden und Sinti, Darmstadt 2004; Ueberschär, Gerd R.: Für ein anderes Deutschland. Der deutsche Widerstand gegen den NS-Staat 1933-1945, Frankfurt 2005; Heidenreich, Bernd/Neitzel, Sönke (Hrsg.): Der militärische Widerstand gegen Hitler – der Beitrag Hessens zum 20. Juli 1944, Wiesbaden 2005 (Polis 42).