Stadtlexikon Darmstadt

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Eisenbahn
Bahnhofsaufseher (li.) und Bahnhofsverwalter (re.) der Ludwigsbahn, 1853, Stadtarchiv Darmstadt

Seit dem 27.07.1846 war mit der Freigabe der 95 km langen Strecke der Main-Neckar-Bahn von Frankfurt/Main nach Heidelberg DA an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Die erste Bahnlinie, die das Territorium Hessen-Darmstadts berührte, war die Linie Frankfurt-Mainz-Wiesbaden, deren erster Abschnitt bis Hattersheim 1839 eröffnet wurde. 1844 war die Strecke fertig gestellt. Bereits 1836 hatte in DA Kaufmann Ernst Emil Hoffmann zur Gründung einer Hessischen Eisenbahn-Gesellschaft aufgerufen. Auch den Darmstädter Landtag beschäftigte das Thema bereits. Langwierige Verhandlungen der beteiligten Staaten und privater Gesellschafter über die Modalitäten der Streckenführung und der Finanzierung schlossen sich an, bis am 25.02.1843 in einem Staatsvertrag zwischen Hessen, Baden und Frankfurt die Streckenführung, die technischen Modalitäten (vor allem die Spurweite), und die gemeinsame Verwaltung der Bahn festgelegt wurden. DA wurde als Sitz der Direktion und der zentralen Werkstätten bestimmt.

Ab dem 01.08.1846 konnte man von DA aus zweimal täglich nach Heidelberg und dreimal nach Frankfurt fahren. Im Folgejahr wurde auch der Güterverkehr aufgenommen. Der gesamte Verkehr wurde anfangs von 18 Lokomotiven und 190 Waggons bewältigt. Das von Friedrich Lichthammer entworfene Bahnhofsgebäude wurde am heutigen Steubenplatz errichtet. Den Transfer in die Stadt besorgten anfangs Pferdedroschken und ab 1886 die Dampfstraßenbahn (Straßenbahn). Zwischen Frankfurt und DA gab es zunächst nur die Station Langen, südlich DAs war der erste Haltepunkt Eberstadt. 1848 kam Arheilgen hinzu, Wixhausen erhielt erst 1887 seinen Bahnhof, Bessungen im Jahr 1879 (ab 01.05.1895 DA-Süd). 1856 begann bereits der Bau der zweiten Eisenbahnlinie, die Mainz und damit das linksrheinische Eisenbahnnetz mit DA und Aschaffenburg verband, die Hessische Ludwigsbahn, die im Gegensatz zur staatlichen Main-Neckar-Bahn von einer privatwirtschaftlichen AG getragen wurde, die auch die 1853 eröffnete Strecke Mainz-Worms und ab 1859 die Strecke Mainz-Bingen betrieb. Am 01.08.1858 begann der Linienverkehr Mainz-DA, die von Adolf Hügel geplante Strecke DA-Aschaffenburg wurde im November in Betrieb genommen. Auch Kranichstein erhielt jetzt einen Haltepunkt, der erst 1896 zu einem zweistöckigen Bahnhofsgebäude ausgebaut wurde. Die Ludwigsbahn erhielt mit dem Ludwigsbahnhof, einem Kopfbahnhof, der im rechten Winkel zum Main-Neckar-Bahnhof stand, ein eigenes Bahnhofsgebäude am heutigen Steubenplatz (Bahnhöfe). 1862, nach dem zweigleisigen Ausbau der Main-Neckar-Bahn, kamen auf beiden Linien zusammen bereits etwa 500.000 Passagiere in DA an oder fuhren von hier ab. 1868 erhielt die Ludwigsbahn-Gesellschaft auch die Konzession für die Odenwaldbahn. Am 15.05.1871 wurde die Strecke DA-Reinheim eröffnet, Ende des Jahres waren die Endpunkte in Michelstadt und Erbach erreicht. Die Odenwaldbahn erschloss ein neues Absatz- und Arbeitskräfte-Reservoir für die Darmstädter Industrie (Industrialisierung). Ebenfalls 1871 erhielt die bisher eingleisige Strecke DA-Aschaffenburg ein zweites Gleis. Bereits 1869 war mit der Riedbahn über Goddelau und Erfelden nach Worms die vierte DA berührende Bahnlinie eröffnet worden (1970 eingestellt). Eine weitere Strecke folgte am 20.12.1886, die 1,95 km lange Nebenbahn von Eberstadt nach Pfungstadt, deren Betrieb 1955 eingestellt und am 10.12.2011 erneut aufgenommen wurde. 1897 kam eine weitere Nebenbahnstrecke vom Ostbahnhof über Roßdorf nach Groß-Zimmern hinzu, die 1966 endgültig eingestellt wurde.

 

Einfahrt des ersten elektrischen Zugs in den Darmstädter Hauptbahnhof, 20.11.1957, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Die Eisenbahn im 20. Jahrhundert

Um den Partikularismus im Bahnwesen, die muntere Abfolge von privaten und staatlichen Eisenbahnstrecken, zu beseitigen, versuchte die preußische Eisenbahnverwaltung schon seit der Reichsgründung, ein einheitliches Bahnwesen zu schaffen und Privatbahnen aufzukaufen. Auf hessischem Gebiet gelang es nach langwierigen Verhandlungen, die Ludwigsbahn-Gesellschaft am 21.06.1896 zu übernehmen. Zwei Tage später schlossen Hessen und Preußen einen Staatsvertrag über die gemeinsame Verwaltung der nunmehr „Königlich Preußischen und Großherzoglich Hessischen Staatseisenbahn“. Aufgrund des stark zunehmenden Eisenbahnverkehrs begannen bald danach Planungen zur Erweiterung der Kapazität der Darmstädter Bahnhöfe, Gleisanlagen und Werkstätten (Eisenbahn-Ausbesserungswerk), die zum Neubau des Hauptbahnhofs (eröffnet 1912) und der Verlegung fast der gesamten Gleisanlagen in der Innenstadt führten. 1912 wurde der heutige Verlauf der Eisenbahnstrecken im Darmstädter Stadtgebiet festgelegt. Im Westen der Stadt wurden die Gleise von der alten Trasse (heute Hindenburgstraße/Donnersbergring) einige hundert Meter nach Westen verschoben, im Norden hatte man die Linienführung am heutigen Rhön- und Spessartring ebenfalls nach außerhalb verlegt. 1935 wurden an den nunmehr vier Darmstädter Bahnhöfen (Haupt-, Ost-, Nord- und Südbahnhof) insgesamt 1.382.266 Fahrkarten verkauft. 1.810.000 Personen fuhren aus DA ab.

Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde das Darmstädter Bahnnetz nicht nur wieder aufgebaut, sondern auch modernisiert, etwa durch den Einbau neuer Stahlbetonschwellen in den 1950er Jahren. Im Juli 1957 begann die nunmehrige Deutsche Bundesbahn mit der Elektrifizierung des Darmstädter Bahnhofs. Aufgrund der Höhe der Masten für die Stromleitung mussten alle fünf Brücken zwischen Haupt- und Südbahnhof angehoben werden. Am 19.11.1957 fuhr die erste Elektrolok in den Hauptbahnhof ein. Die Strecke DA-Aschaffenburg war bis 1960 elektrifiziert. Zum 31.12.1970 stellte die Bundesbahn den Dampflokverkehr in DA endgültig ein. Zu dieser Zeit nutzten täglich etwa 30.000 Berufspendler und ca. 6.000 sonstige Reisende den Hauptbahnhof. Sie benötigen für die Strecke DA-Frankfurt im modernen Schnellzug 15-16 Minuten, 1846 waren es noch 50 Minuten. In den letzten Jahren wurden viele Bahnstrecken saniert und es gab neue Planungen für Strecken. Im Zuge der Sanierung der gesamten Odenwaldbahn hat die Bahn AG das vor vielen Jahren stillgelegte zweite Gleis zwischen Ost- und Nordbahnhof wieder in Betrieb genommen, um eine direkte Zugverbindung von DA-Ost nach Frankfurt ohne Umsteigen im Hauptbahnhof zu ermöglichen (Inbetriebnahme Ende 2005). Seit den späten 1960er Jahren wurde über eine S-Bahn-Verbindung von Frankfurt nach DA diskutiert. Damals plante man den Start der S-Bahn für etwa 1977. Nachdem 1975 das zwischenzeitliche Aus für alle S-Bahn-Planungen verkündet worden war, konnte am 01.06.1997 der planmäßige S-Bahn-Verkehr aufgenommen werden. Das Eisenbahnmuseum im ehemaligen Bahnbetriebswerk Kranichstein und die mehrmals im Jahr befahrene Museumsbahnstrecke vom Ostbahnhof zum Bessunger Forsthaus halten die Erinnerung an die alte Eisenbahnzeit wach.

Lit.: Darmstadts Geschichte. Fürstenresidenz und Bürgerstadt im Wandel der Jahrhunderte, von Friedrich Battenberg, Jürgen Rainer Wolf, Eckhart G. Franz, Fritz Deppert. Gesamtredaktion: Eckhart G. Franz, Darmstadt 1980, 2. Aufl. 1984, S. 335, 358-360; Aßmann, Karl / Bleiweis, Wolfgang: Eisenbahnknoten Darmstadt im Wandel der Zeiten, Roßdorf 1987; Stephan: Darmstadts Bahnhöfe. Die Entwicklung zum südhessischen Knotenpunkt. In: Eisenbahn-Kurier 7/2013, S. 56-60.