Stadtlexikon Darmstadt

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Traube
Viersprachige Werbekarte des Hotels „Zur Traube“, um 1830, Stadtarchiv Darmstadt

In den Darmstädter Stadtrechnungen der Jahre 1664 bis 1667 ist zum ersten Mal von der Brauerei mit Bierausschank „Scheuerhof“ im Westen vor den Toren DAs die Rede. Landgraf Ludwig VI. hatte dieses Gebäude gekauft und hier die Hofbrauerei untergebracht. Der erste bekannte Pächter des Scheuerhofs war 1671 Konrad Hertegen. 1680 war die Gastwirtschaft im Besitz von Georg Daniel Schnauber aus einer bekannten Darmstädter Brauerfamilie. Mit dem Beginn des Baus der Neuen Vorstadt (Mollerstadt) wurde die Hofbrauerei auf den Gehaborner Hof verlegt und der Scheuerhof 1695/96 zu einem großzügigen Gasthaus unter dem Namen „Zum Großen Trauben“ umgebaut. Die Traube profitierte, vor der Stadt an der Landstraße von Heidelberg nach Frankfurt gelegen, vom Durchgangs- und Handelsverkehr und von den größeren Freiheiten gegenüber den innerstädtischen Gasthäusern. Um 1710 diente das Gasthaus auch einige Zeit als Poststation (Post). Sieben Zimmer standen für Übernachtungsgäste zur Verfügung. Den Darmstädter Wirten war die Traube wegen der vorteilhaften Lage lange Zeit ein Dorn im Auge, und der Rat klagte mehrfach bei der landgräflichen Regierung über die angeblich schlimmen Zustände dort, immer ohne Erfolg.

Pächter Johann Friedrich Fritsch ließ 1810 einen eigenen Konzertsaal anbauen, sein Sohn Christian erwarb die Traube von der Regierung und ließ sie bis 1827 mit einem dritten Stockwerk aufstocken und ausbauen. Danach entwickelte sich die Traube zum „ersten Haus am Platz“ und lief den anderen Darmstädter Hotels, auch den neu entstandenen in der Mollerstadt, den Rang ab. Der Hof brachte hier seine Gäste unter, die nicht im Schloss logierten. Adlige, hohe Offiziere, Minister, berühmte Schauspieler, reiche Kaufleute usw. stiegen regelmäßig in der Traube ab. 1814 fand man auf dem Dachboden den Originalriss der Fassade des Nordturms des Kölner Doms. Beim Umbau der Traube durch Alfred Messel tauchten im August 1907 mehrere menschliche Skelette, vermutlich aus fränkischer Zeit (Archäologie in DA), auf.

Bis zum Zweiten Weltkrieg zählte die Traube zu den vornehmsten Adressen DAs. Matthias Claudius, Max Reger, Paul Lincke, Sven Hedin, Gerhart Hauptmann, Graf Zeppelin, Reichspräsident von Hindenburg, Thomas Mann u. a. nächtigten hier. Allerdings brachte die wirtschaftliche Lage nach dem Ersten Weltkrieg das Haus an den Rand des Ruins. Die Stadt erwarb das Gebäude 1926 und eröffnete es nach einer Modernisierung 1927 erneut. Die Traube hatte jetzt 73 Zimmer mit 94 Betten und einen Garagenhof für die zunehmende Zahl der Autoreisenden. Mit der Kriegszerstörung ging 1944 die glanzvolle Zeit der Traube zu Ende. 1946 richtete Pächter Anton Gabler in dem stehen gebliebenen Garagenbau die ersten Zimmer ein. Im Februar 1953 konnte der Wiederaufbau der Traube abgeschlossen werden. Noch einmal stand das Hotel am Luisenplatz für etwa 15 Jahre illustren Gästen offen, allen voran Bundespräsident Theodor Heuss und Bundeskanzler Konrad Adenauer. Mit den gestiegenen Komfortansprüchen der 1960er Jahre konnte das Hotel nicht mehr konkurrieren. Ende 1968 schloss der letzte Pächter die Traube endgültig. Nachdem Bemühungen der Stadt um eine Neuverpachtung in den Jahren 1969 bis 1971 erfolglos geblieben waren, besetzten wohnungslose Studenten das leer stehende Gebäude zwischen 1971 und 1974 mehrfach, um auf die katastrophale Wohnungssituation in DA aufmerksam zu machen. Nach der Räumung zogen Bedienstete städtischer Ämter, Stadt- und Kreisbildstelle, Verbraucherberatung u. a. in das Gebäude ein. Im Erdgeschoss bot „Wein-Krüger“ Speisen und Getränke an. Im September 1994 wurde das Gebäude der Traube im Zuge der Carree-Planungen abgerissen und durch einen von der HEAG Mobilo genutzten Neubau ersetzt.