Stadtlexikon Darmstadt

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Weißer Turm
Gebiet der künftigen Ernst-Ludwig-Straße mit Weißem Turm, aquarellierte Federzeichnung von F. Trost, 1863, Stadtarchiv Darmstadt

Ursprünglich ein Turm der zwischen 1330 und 1418 errichteten Darmstädter Stadtmauer. Er stand an einer strategisch wichtigen Stelle an der Südwestecke des Mauerrings, weil die Stadtmauer, im leichten Bogen an der Stadtkirche und den Häusern des westlichen Marktplatzes vorbeiziehend, hier in scharfem Winkel zum Schloss hin abknickte. Auf der ältesten Ansicht aus dem Jahr 1678 ist zu erkennen, dass der Weiße Turm zum Zwinger der Stadtmauer hin offen war. Die Besatzung des Turms hatte also wohl die Aufgabe, einen Feind, der nach Überwindung des äußeren Mauerrings in den Zwingerbereich eingedrungen war, in der Flanke zu bekämpfen. Im 16. und 17. Jahrhundert verlor die Stadtbefestigung durch das Aufkommen der Feuerwaffen ihre militärische Bedeutung und begann zu verfallen. Erste Teile im Westen DAs wurden 1693 niedergerissen. Damit verlor auch der Weiße Turm seine eigentliche Bedeutung. 1704 wurde er durch Baumeister Erich Philipp von Ploennies um ein Stockwerk erhöht, ringsherum geschlossen, mit einem Kuppeldach versehen und in einen Uhr- und Glockenturm für die Bewohner der seit 1695 errichteten Neuen Vorstadt (Mollerstadt) umgewandelt. Der Verputz des Turms war wohl von Anfang an weiß, denn bereits 1738 wurde er erstmals „Weißer Turm“ genannt.

Eine der beiden Glocken, die so genannte Silberglocke, war eine Totenglocke und wurde geläutet, wenn ein Mitglied des Hauses Hessen gestorben war. Die kleinere Glocke diente zum Viertelstundenschlag. Im Erdgeschoss barg der Turm zwei Verliese, deren Funktion nicht bekannt ist. Darüber befand sich die Turmwächterwohnung. Der Zugang erfolgte über ein an den Turm angebautes Gebäude, später über einen eigens errichteten Treppenturm. Erst im Jahr 1869 wurde der Weiße Turm freigestellt, der kleine Treppenturm abgerissen und der Turmeingang an die heutige Stelle verlegt, wobei das obere Verließ zum Eingangsraum wurde. Das letzte Stück der alten Stadtmauer am Weißen Turm fiel erst 1886 im Zuge der Vollendung der Ernst-Ludwig-Straße, die seit 1863 vom Ludwigsplatz her erschlossen worden war. Mit der Erschließung dieser Straße erhielt der Platz vor dem Weißen Turm 1860 den Namen „Ernst-Ludwigs-Platz“, vorher hieß er einfach „Weiße-Turm-Platz“. Seit dieser Zeit stand der Turm mitten auf der Straße und wurde zum Verkehrshindernis für Straßenbahnen, Busse und später Autos. Mehrfach wurde sein Abriss gefordert, 1947 sogar von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen – aber immer vergeblich. Das Land Hessen ließ den 1944 zum Teil zerstörten Weißen Turm von 1949 bis 1954 in mehreren Bauabschnitten wieder aufbauen und nochmals um ein Stockwerk erhöhen. Nachdem der Turm zunächst als Depot für das Schlossmuseum diente und nach einer Innenrenovierung 1979 und der Außenrenovierung 1983/84 Jahre lang leer stand, nimmt sich seit Juni 1997 der neu gegründete „Freundeskreis Weißer Turm“ des Problems an und nutzt den Turm für kulturelle Veranstaltungen. Am 24.08.2002 ging der Weiße Turm für die symbolische Summe von 1 Euro vom Land Hessen in das Eigentum der Stadt DA über.

Lit.: Engels, Peter: Vom Wehrturm zum Wahrzeichen – Der Weiße Turm in Darmstadt. In: Vom Glockenturm zur Fotogalerie. 300 Jahre Weißer Turm, hrsg. vom Darmstädter Förderkreis Kultur und vom Freundeskreis Weißer Turm, Darmstadt 2004.