Stadtlexikon Darmstadt

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Schlachthof
Luftaufnahme des Schlachthofes vor dem Abriss, Foto: Ernst Selinger, Stadtarchiv Darmstadt

1456 ist erstmals eine Fleischbank neben dem Rathaus am Marktplatz bezeugt. Sie diente jedoch nur der Fleischkontrolle beim Verkauf auf dem Markt, denn in DA war bis in das 18. Jahrhundert hinein die Hausschlachtung üblich. Nach Fertigstellung des Alten Rathauses baute man 1603 eine neue Fleischbank (Schirn) östlich davon, die jedoch bald zu eng wurde. Nachdem sich mehrere Notquartiere als unzureichend erwiesen hatten, errichtete die Stadt 1728 für ihre mittlerweile 42 Metzger eine neue Schirn mit Schlachthof auf einem Gartengrundstück zwischen Großer Ochsengasse und Langgasse (etwa in der Flucht des heutigen Würthwegs), der, mehrfach erweitert, schließlich 59 Metzgern beengten Raum bot. 1748 wurde der Schlachthofzwang eingeführt, Hausschlachtungen verboten. Die Belastung der Umgebung durch Lärm, Gestank und Schlachtabfälle wurde trotz einiger Neubauten in den 1820er Jahren mit der Zeit so unerträglich, dass die Stadtverwaltung 1887 beschloss, einen neuen Schlachthof im Norden außerhalb der Stadt zu bauen. Auf einem 40.000 qm großen Areal an der Frankfurter Straße wurde der neue Schlachthof mit mehreren Schlachthallen, Ställen, Kühlhaus, Verwaltungsgebäude und Gastwirtschaft erbaut und am 15.05.1893 eingeweiht. Die alten Schlachthofgebäude fielen dem Altstadtdurchbruch 1905 zum Opfer. 1901 wurde ein neues Kühlhaus errichtet, 1908 erhielt die Fleischerinnung ein eigenes Gebäude, in dem sich auch die Innungskrankenkasse und eine Fleischer-Fachschule befanden. Neben dem Schlachthof entwickelte sich ab 1911 ein eigener Viehmarkt für Schweine, Kälber und Schafe, in den 1930er Jahren auch ein Großviehmarkt. In den ersten 25 Jahren wurden etwa 1,2 Millionen Tiere geschlachtet.

Bei zwei Bombenangriffen im September und Dezember 1944 (Brandnacht) wurde der Schlachthof schwer beschädigt, die Kälberschlachthalle und das Gebäude der Fleischerinnung total zerstört. Die Beseitigung der Kriegsschäden war erst 1953 vollendet. Auch der Viehmarkt lebte wieder auf. 1952 wurden 5.850 Stück Großvieh und 35.856 Stück Kleinvieh gehandelt. In den folgenden Jahrzehnten wurden im Durchschnitt 45.000 Tiere pro Jahr für ein großes Versorgungsgebiet von etwa 400.000 Menschen in Südhessen geschlachtet. Dennoch erwirtschaftete der Schlachthof seit dem Wiederaufbau immer hohe Verluste. Auch nach einer umfassenden Modernisierung in den Jahren 1959 bis 1963, dem Bau eines neuen Viehhofs 1967 und eingeleiteten Rationalisierungsmaßnahmen blieb das Defizit (1975 ca. 500.000 DM, 1987 ca. 800.000 DM) bestehen. Als 1987 bekannt wurde, dass große Mengen Schlachtabfälle in die Kanalisation gespült wurden, und die Erfüllung neuer Umweltvorschriften weitere 8 Millionen DM erforderten, verfügte der Magistrat die Schließung des Schlachthofs zum 31.12.1987; diese wurde auf Protest der Fleischerinnung zum 07.01.1988 wieder aufgehoben. Ende August 1988 schloss der Schlachthof endgültig. Im Zusammenhang mit den Missständen im Schlachthof erhob die Staatsanwaltschaft im Juli 1989 Anklage gegen vier Magistratsmitglieder wegen umweltgefährdender Abfallbeseitigung und wegen des Betriebs des Schlachthofs ohne die nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz erforderliche Genehmigung. Der Prozess, der einiges Aufsehen erregte, ging bis vor den Bundesgerichtshof und zog sich bis Ende 1996 hin. Das Areal des Schlachthofs wurde mittlerweile durch den Bauverein erworben und seit 1996 mit Wohnungen und Geschäften bebaut (Bürgerparkviertel). Hier entstand auch das neue Stadthaus III (Rathäuser).

Lit.: Haupt, Georg: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Darmstadt, 2 Bde., Darmstadt 1952-54, S. 108-110; Der Schlachthof der Haupt- und Residenzstadt Darmstadt, Darmstadt 1895.