Stadtlexikon Darmstadt

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Revolution 1848/49
Schmuckblatt mit den von Großherzog Ludwig III. und Staatsminister von Gagern genehmigten Märzforderungen: Presse-, Versammlungs-, Religionsfreiheit usw., Stadtarchiv Darmstadt

In DA hatte es seit der Verfassungsbewegung 1818/20 und den revolutionären Bestrebungen der Jahre 1832 bis 1834 (Georg Büchner, Friedrich Ludwig Weidig, Wilhelm Schulz) immer auch eine starke liberale und nationale Opposition teils im Landtag, teils im aufblühenden Vereinswesen (Turngemeinde siehe Sport in DA, Gesangvereine) gegeben. Die wirtschaftlichen Krisen der 1840er Jahre, die durch Arbeitslosigkeit, verstärkte Auswanderung und ab 1846 eine Hungersnot gekennzeichnet waren, förderten die Radikalisierung der politischen Opposition, die sich im Herbst 1847 in der Wahl von Heinrich von Gagern, Ludwig Emmerling, Theodor Reh und Reinhardt  Eigenbrodt in die Zweite Kammer des Landtags ausdrückte. Gagern nahm an dem programmatischen Treffen der südwestdeutschen Liberalen in Heppenheim (10.10.1847) teil und er ergriff auch die Initiative, vier Tage nach der republikanischen Revolution in Paris am 28. Februar im Darmstädter Landtag den Großherzog zur Einrichtung einer deutschen „Nationalrepräsentation“ aufzufordern. Am 2. März stellte Theodor Reh den Antrag mit den typischen „Märzforderungen“: Aufhebung der Zensur, Einrichtung von Bürgergarden und Geschworenengerichten. Der wegen zu liberaler Haltung 1833 aus dem großherzoglichen Staatsdienst entlassene Juraprofessor Carl Jaup formulierte im Darmstädter Gemeinderat eine „Adresse“ an den Großherzog, die darüber hinaus noch Versammlungs- und Petitionsrecht, Religions- und Gewissensfreiheit, Vereidigung der Armee auf die Verfassung und eine zentrale Vertretung des deutschen Volkes an Stelle des Deutschen Bundes forderte. Nachdem am 6. März etwa 2.000 Odenwälder Bauern zur Unterstützung dieser Forderungen demonstrativ nach DA gezogen waren, bewilligt der am 5. März zum Mitregenten ernannte (Erb)Großherzog Ludwig (III.) diese Forderungen und Heinrich von Gagern wurde Vorsitzender des „Gesamtministeriums“ statt des Freiherrn Du Thil. Als Gagern am 19.05.1848 zum Präsidenten der Frankfurter Nationalve

In DA hatte es seit der Verfassungsbewegung 1818/20 und den revolutionären Bestrebungen der Jahre 1832 bis 1834 (Georg Büchner, Friedrich Ludwig Weidig, Wilhelm Schulz) immer auch eine starke liberale und nationale Opposition teils im Landtag, teils im aufblühenden Vereinswesen (Turngemeinde siehe Sport in DA, Gesangvereine) gegeben. Die wirtschaftlichen Krisen der 1840er Jahre, die durch Arbeitslosigkeit, verstärkte Auswanderung und ab 1846 eine Hungersnot gekennzeichnet waren, förderten die Radikalisierung der politischen Opposition, die sich im Herbst 1847 in der Wahl von Heinrich von Gagern, Ludwig Emmerling, Theodor Reh und Reinhardt  Eigenbrodt in die Zweite Kammer des Landtags ausdrückte. Gagern nahm an dem programmatischen Treffen der südwestdeutschen Liberalen in Heppenheim (10.10.1847) teil und er ergriff auch die Initiative, vier Tage nach der republikanischen Revolution in Paris am 28. Februar im Darmstädter Landtag den Großherzog zur Einrichtung einer deutschen „Nationalrepräsentation“ aufzufordern. Am 2. März stellte Theodor Reh den Antrag mit den typischen „Märzforderungen“: Aufhebung der Zensur, Einrichtung von Bürgergarden und Geschworenengerichten. Der wegen zu liberaler Haltung 1833 aus dem großherzoglichen Staatsdienst entlassene Juraprofessor Carl Jaup formulierte im Darmstädter Gemeinderat eine „Adresse“ an den Großherzog, die darüber hinaus noch Versammlungs- und Petitionsrecht, Religions- und Gewissensfreiheit, Vereidigung der Armee auf die Verfassung und eine zentrale Vertretung des deutschen Volkes an Stelle des Deutschen Bundes forderte. Nachdem am 6. März etwa 2.000 Odenwälder Bauern zur Unterstützung dieser Forderungen demonstrativ nach DA gezogen waren, bewilligt der am 5. März zum Mitregenten ernannte (Erb)Großherzog Ludwig (III.) diese Forderungen und Heinrich von Gagern wurde Vorsitzender des „Gesamtministeriums“ statt des Freiherrn Du Thil. Als Gagern am 19.05.1848 zum Präsidenten der Frankfurter Nationalversammlung gewählt worden war, wurde erst Eigenbrodt, seit Juli 1848 Jaup sein Nachfolger in DA. Für DA wurde Wilhelm Schulz als Abgeordneter in die Nationalversammlung entsandt.

Die weitere politische Entwicklung wurde von ungelösten sozialen Problemen begleitet: zahlreiche Arbeitslose, die mit Notstandsarbeiten z. T. auf dem neuen (jetzt: Alten) Friedhof (Friedhöfe), am von der Stadt erworbenen Großen Woog oder am Judenpfad beschäftigt wurden, verübten Waldfrevel oder waren in anderer Weise „unbotmäßig“, sodass die neu gegründete Bürgergarde um Schutz ersucht wurde. Den schon seit 1847 immer wiederholten Bitten von über hundert verarmten Darmstädter Bürgern um Bezahlung der Überfahrt nach den USA zur Auswanderung wurde im September 1848 mit Hilfe einer Spendenaktion und einem Kredit aus der Armenkasse statt gegeben. Im August wurde eine „Gewerbehalle“ eingerichtet, in der Handwerker ihre Waren, auf die sie von der Sparkasse Kredite erhalten hatten, verkaufen konnten. – Die politische Differenzierung in liberal-konstitutionelle und demokratische Richtungen drückte sich auch in vielen Zeitungsneugründungen aus: der Ersteren  gehörten das „Rheinische Volksblatt“ oder das „Freie Hessische Volksblatt“ an; der zweiten das im Leske-Verlag (Leske) erscheinende „Neue Rheinische Volksblatt“ (Redakteur: Karl Ohly) und die „Neue Deutsche Zeitung“. Ihnen entsprachen politische Vereine als Vorläufer von Parteien: dem demokratischen „Volksleseverein“ und dem „Arbeiterbildungsverein“ stand der „Konstitutionell-monarchische Verein“ gegenüber. Die Anhänger beider trafen im Juli 1848 bei einer chaotisch verlaufenen Volksversammlung in Kranichstein aufeinander, wobei die Mehrzahl der demokratischen Anhänger aus angereisten Gefolgsleuten des Mainzer Landtags- und Nationalversammlungsabgeordneten Heinrich Zitz bestand.

Als es im Frühjahr 1849 zu den letzten Kämpfen für die von der Nationalversammlung verabschiedete Reichsverfassung kam, stellte sich heraus, dass die in der Provinz Starkenburg sehr geringe Dichte demokratischer Organisationen auch für die konservative Tendenz der Mehrheit symptomatisch war. Die Agitation von Demokraten wie Alexander Büchner oder dem Büchner-Freund Ludwig Bogen hatte allenfalls im Odenwald Erfolg, doch erlagen dort und an der Bergstraße die Aufständischen dem hessen-darmstädtischen und preußischen Militär. – Die Strafverfolgung der 1848er Aktivisten fiel vor den Geschworenengerichten meist milde aus (bis auf die der Teilnehmer an der gewalttätigen Laudenbacher Versammlung vom 24.05.1849, Wilhelm Zimmermann). In dem im August 1850 neu gewählten Landtag gab es eine demokratische Mehrheit, während in DA die „Konstitutionellen“ Gagern und Bürgermeister Justus Georg Kahlert gewählt wurden; schon im Oktober aber wurde wieder die Zensur eingeführt, die politischen Vereine verboten und der Landtag künftig nach dem Dreiklassenwahlrecht gewählt.

Lit.: Handbuch der Hessischen Geschichte, Bd. 4, S. 781-826; Zimmermann, Erich: Für Freiheit und Recht! Der Kampf der Darmstädter Demokraten im Vormärz (1815-1848), Darmstadt 1987; Thomas Lange (Verf., Bearb.): „Besorgt man einen Aufstand der Bürger?“ Die Revolution 1848/49 in Darmstadt und im Odenwald. Dokumente 1847-1849. Hessisches Staatsarchiv Darmstadt 1998 (Geschichte im Archiv. Darmstädter Archivdokumente für den Unterricht 5); Gröbel, Matthias: Die Geschwister Georg Büchners in der Revolution von 1848/49. In: Georg-Büchner-Jahrbuch 12, Berlin 2012, S. 371-406.