Stadtlexikon Darmstadt

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Mollerstadt
Mollerstadt von Westen, deutlich ist das rechtwinklige Straßenraster zu erkennen, Zeichnung von Rudolf Grote, 1902, Stadtarchiv Darmstadt

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildete die Luisenstraße den westlichen Abschluss des bebauten Stadtgebiets. Nach Rangerhöhung und vorteilhafter Arrondierung der Landgrafschaft 1806 fasste Großherzog Ludewig I. mit der Erschließung des Geländes westlich und südlich der Luisenstraße drei Ziele ins Auge: Die Schaffung von Wohnraum für zusätzliche Beamte, die das gewachsene Staatswesen benötigte; eine bessere Entfaltung von Gewerbe und Handel in der Hauptstadt; wohl nicht zuletzt die Schaffung eines repräsentativen Entrees in die junge großherzogliche Residenz. Zur Realisierung seiner Absichten berief er 1810 den Weinbrenner-Schüler Georg Moller aus Karlsruhe nach DA. Mollers Bebauungspläne von 1811 und 1817 haben Ludewigs Vorstellungen auf geniale Weise umgesetzt. Der gemessene Klassizismus seiner „Westlichen Neustadt“ prägte bis 1944 DAs Bild und Charakter. Moller schuf der Stadt einen Rahmen, der erst ein halbes Jahrhundert später zu eng wurde (Bismarckstraße im Norden, Sandstraße im Süden, Steubenplatz/Landgraf-Philipps-Anlage im Westen). Er entwarf ein Straßenraster voll Spannung und ausgewogener Asymmetrie: Der Ost-West-Dominante (Rheinstraße) fügte er zwei Nord-Süd-Achsen (Neckar- und Wilhelminenstraße) hinzu, verbesserte damit die Verbindung zum Vorort Bessungen und schuf durch die Bebauung des Geländeanstiegs zur St. Ludwigskirche Stadtbilder von pittoreskem Reiz. Im Osten banden Ludwigsplatz, Ludwigs- und Schulstraße die Neustadt an die Altstadt an; dieser Teil übernahm merkantile Aufgaben. Die gepflegten Quartiere zogen die führende Gesellschaft der Residenz an – hohe Beamte und Militärs, Unternehmer, freiberuflich Tätige und Künstler, wohlhabende Pensionäre. Die Aristokratie war 1845 in der Mollerstadt mit sieben Prozent Haushaltsanteil mehr als zehnmal so stark vertreten wie im Durchschnitt der übrigen Stadtteile. Im Verlauf der Industrialisierung legte der Bezirk schrittweise den Charakter eines vornehmen Wohnquartiers ab, wurde lebhafter und lauter. Schon in den 1860er Jahren war ihr östlicher Abschnitt bis zur Grafenstraße das prominenteste Geschäftsviertel der Stadt. Der Zweite Weltkrieg hat die Mollerstadt fast völlig zerstört; ihre Bevölkerungsverluste in der Brandnacht des 11.09.1944 waren die höchsten in der Stadt. Nach dem Krieg wurden vor allem Geschäfts- und Verwaltungsbauten errichtet. Kapitalen Bausünden, die dabei begangen wurden, sucht die Stadt neuerdings mit einem Sanierungsprogramm zu begegnen.

Lit.: Stadt Grün. Aufwertung der innerstädtischen Lebens- und Wohnqualität durch Stadtbegrünung am Beispiel der Mollerstadt in Darmstadt, Mainz 2018.