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Kleinkinderschulen

Erste Ansätze zur Betreuung von kleinen Kindern, deren Eltern berufstätig waren, gab es schon im 18. Jahrhundert. 1769 wurde im Steinbachtal im Elsass eine „Beschäftigungsstelle“ für drei- bis siebenjährige Kinder geschaffen. 1802 richtete Fürstin Pauline zur Lippe in Detmold eine „Aufbewahrungs-Anstalt kleiner Kinder“ ein. In Aachen folgte 1814 eine Kleinkinder-Bewahranstalt. Diese Einrichtungen waren Ergebnis des wirtschaftlichen und sozialen Wandels, der in vielen Familien beide Elternteile zwang, außerhalb des Hauses zu arbeiten. Schon die Bezeichnung Bewahranstalt macht deutlich, dass die noch nicht schulpflichtigen Kinder hier nur betreut und beschäftigt wurden, eben „bewahrt“, da die Mütter sich ihnen nicht genügend widmen konnten. Der eigentliche Begründer von Kindergärten war dann Friedrich Fröbel (1782-1852). Ihn trieben neben sozialen auch pädagogische Gedanken an. Er hatte für die Kindererziehung ein Programm mit Spielen, Liedern, körperlicher Bewegung und kindgemäßen Tätigkeiten im Garten entwickelt. Diese Kindergärten, die zunächst in Fröbels Heimat Thüringen entstanden, waren bürgerliche Einrichtungen. Theodor Fliedner (1800-1864) gründete 1836 die erste Kleinkinderschule, in der die religiöse Erziehung im Mittelpunkt stand. Kleinkinderschulen dieser Art breiteten sich vor allem in eV. Kirchengemeinden aus.

In DA wurde die erste Kleinkinderschule 1833 nach einem Frankfurter Vorbild gegründet. Schon vorher hatte es in DA den Wunsch nach einer Bewahranstalt für kleine Kinder gegeben. Aber erst ein tragisches Unglück gab den Anlass, diesen Wunsch zu realisieren: Ein Elternpaar ließ, als es zur Arbeit ging, seine drei Kinder in der verschlossenen Wohnung zurück. Die Kinder kamen dem Ofen zu nah, fingen Feuer und erstickten. Daraufhin erließ der Medizinalrat Leidhecker einen Aufruf in der „Großherzoglich Hessischen Zeitung“, die Gründung einer Anstalt zu beraten und zu planen, in der noch nicht schulpflichtige Kinder armer Tagelöhner Fürsorge und Pflege finden sollten, während die Eltern ihrer Arbeit nachgingen. Dieser Aufruf fand großen Anklang, es wurde ein Ausschuss von 24 Mitgliedern gewählt, in dem die angesehensten Namen der Stadt vertreten waren, und als Folge ein Haus in der Mauerstraße angemietet. Am 28.05.1833, dem Namenstag der ersten Protektorin, Großherzogin Wilhelmine, wurde die Anstalt eingeweiht. Durch die schnell steigende Anzahl der Kinder wurde schon 1840 ein Neubau nötig. Ab 5 Uhr im Sommer und ab 7 Uhr im Winter war die Kleinkinderschule geöffnet, die Kinder wurden hier auch verköstigt, wofür die Eltern 2 Kreuzer pro Tag zu entrichten hatten. Um ihre Kinder hier abgeben zu können, mussten die Eltern lediglich die Notwendigkeit einer Beaufsichtigung nachweisen. Ihre Konfession und die Tatsache, ob es sich um eheliche oder uneheliche Kinder handelte, war unerheblich. Die Zöglinge wurden zu Reinlichkeit und Ordnung angehalten sowie zu Respekt gegenüber Dingen und Menschen. Es wurde Wert gelegt auf den „Gebrauch der reinen Muttersprache“, auf freundliches Verhalten und körperliche Bewegung. Die älteren Kinder wurden in Vorbereitung auf die Schule zu Arbeitsdisziplin und Lerninhalten hingeführt. Dazu gehörten das Vorlesen von Geschichten, Auswendiglernen von Liedern, Anschauen und Erklären von Bildern und Gegenständen und die Fertigung kleinerer Arbeiten aus Stroh, Wolle und Bauklötzchen. Betreut wurden die Kinder von Aufseherinnen und Wärterinnen, über die ein Frauenverein die Aufsicht hatte, dem zumeist Ehefrauen und ältere Töchter der Darmstädter Honoratioren angehörten.

1844 wurde auch in Bessungen eine Kleinkinderschule gegründet, deren Rechtsnachfolger heute der Kindergarten der ev. Petrusgemeinde ist. Im Gegensatz zur Kleinkinderschule in der Mauerstraße war die Einrichtung in Bessungen nur eine Halbtagesanstalt, die entweder vormittags oder nachmittags besucht werden konnte. Sie war eine Art sozialer Nothilfe für die Eltern, die keinerlei Beiträge entrichten mussten. Die pädagogische Seite, die zunächst im Hintergrund gestanden hatte, verstärkte sich mit der Zeit kontinuierlich, und die Abteilung der vier- bis sechsjährigen Kinder bekam eine ausgebildete Lehrerin als Leiterin.

An eine andere Zielgruppe, nämlich die Kinder des gehobenen Bürgertums, richtete sich die im Juli 1843 eröffnete Kleinkinderschule von Johannes Fölsing. Auch in den höheren Ständen wurden die Mütter durch Haushalt und gesellschaftliche Verpflichtungen von ihren Erziehungsaufgaben abgehalten und die Kinder oft nur von Wärterinnen und Dienstmädchen unzureichend betreut. In der Fölsing’schen Anstalt blieben die Kinder lediglich vier Stunden pro Tag, um die Eltern nicht ganz der Erziehung ihrer Kinder zu berauben. Fölsing legte großen Wert auf eine angenehme Umgebung und richtete die Räumlichkeiten ähnlich einer bürgerlichen Wohnstube ein. Seiner Meinung nach sollten sich die Kleinkinderschulen „noch nicht mit dem Elementarunterricht befassen, sondern lediglich die geistigen Fähigkeiten der kleinen Schüler zur Tätigkeit entwickeln, (…) Die Hauptsache ist und bleibt, dass man die Kinder liebevoll bewahrt und entwickelt nach Körper, Geist und Gemüt und dass man gleichsam Mutterstelle vertritt, und darum muss die Kleinkinderschule sein, was zu Hause eine gute Wohnstube ist“.

Weitere Kleinkinderschulen entstanden 1859 in der Soderstraße (Barmherzige Schwestern), 1887 in der Stiftsstraße (Helfmannsche Kleinkinderschule), 1894 am Elisabethenstift (angeschlossen war die erste Ausbildungsstätte für Kleinkinderlehrerinnen), 1907 in der Liebfrauenstraße (heutige ev. Michaelsgemeinde) und 1914 in der Viktoriastraße (Koch’sches Haus). In Arheilgen entstand der erste Kindergarten bereits 1863 (heute Kita der ev. Auferstehungsgemeinde). Einige weitere Einrichtungen entstanden in den kommenden Jahrzehnten vornehmlich in den neu errichteten Stadtteilen. Mit dem Beginn des Wirtschaftswunders und dem damit verbundenen Bevölkerungsanstieg nach dem Zweiten Weltkrieg kam es ab dem Beginn der 1950er Jahre zu einer vermehrten Einrichtung von Kindergärten und Kinderhorten. Gab es im August 1953 19 Kindergärten, fünf Horte und eine Krippe (im Elisabethenstift), waren es 1963 bereits 36 Kindergärten, elf Horte und zwei Krippen, 1991 62 Kindergärten, 26 Horte und 16 Krippen. Obwohl die Zahl der Einrichtungen seitdem weiterhin anstieg, konnte das Angebot niemals mit der Nachfrage nach Kindergartenplätzen Schritt halten. In den letzten Jahren hat sich das Platzproblem durch die staatliche Garantie von Plätzen auch für unter Dreijährige weiter verschärft.

Lit.: Failing, Wolf-Eckart: Anfänge und Ursprünge der Sozialpädagogik in Darmstadt (1827-1870), Darmstadt und Marburg 1998; Hillringhaus, Kerstin: „Wir verändern die Welt!“ Die Kinderladenbewegung in Darmstadt nach 1968, Darmstadt 2012 (Darmstädter Schriften 100).