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Gervinus, Georg Gottfried
Stadtarchiv Darmstadt

Schriftsteller, Germanist
* 20.05.1805 Darmstadt
† 18.03.1871 Heidelberg
Unter den Heinern, die im Schatten des Stadtkirchturms geboren wurden und aufwuchsen und das damals noch Pädagog genannte Ludwig-Georgs-Gymnasium besuchten – und die dann auswärts Großes vollbrachten, gehört Georg Gottfried Gervinus zu denen, über die man in DA nicht mehr gern redet, und das nicht etwa, weil sein persönlicher Ruf v. a. im späteren Privatleben allerdings einiges zu wünschen übrig lässt. Sondern Ursache ist wohl eher seine Tätigkeit als radikalliberaler bürgerlicher Schriftsteller gewesen, seine Teilnahme an dem Protest der Göttinger Sieben 1837 (er war es jedenfalls, der die Bekanntmachung der Protestschrift durch seine Studenten lancierte und dadurch die Amtsenthebung provozierte), seine kühnen Versuche, politische und literarische Geschichte zu schreiben als eine Geschichte von sozialen und revolutionären Bewegungen.

Der Sohn eines Gerbers aus dem kleinen Haus neben der Superintendentur (von der elterlichen Hausmarke hat die heutige Gaststätte „Bockshaut“, die ursprünglich in dem Gerberhaus begonnen hatte, ihren Namen) lernte zuerst den Kaufmannsberuf und übte ihn sogar eine Weile aus, studierte dann aber in Heidelberg vornehmlich bei dem Universalhistoriker Friedrich Christoph Schlosser Geschichte, wurde selber 1835 Professor in Heidelberg, im Jahr darauf in Göttingen, wo Gervinus mit Dahlmann und Jakob Grimm als Rädelsführer und Hauptakteur der Erklärung der „Sieben“ sofort vom König des Landes verwiesen wurde. Durch Erbschaft finanziell unabhängig, lebte er fortan als Honorarprofessor in Heidelberg; hier vollendete er die „Geschichte der Deutschen Nationalliteratur“ (die fünf Auflagen erlebte), und nun entstanden seine historisch-politischen Werke, v. a. dann seine wissenschaftliche Antwort auf die Niederlage der ersten deutschen Republik: 1852 erschien die „Einleitung in die Geschichte des 19. Jahrhunderts“, die ihm einen Hochverratsprozess und das Lehrverbot eintrug. Er hatte nicht nur einem individualisierenden Geschichtsdenken des Historismus ein „analogisierendes“ Prinzip der Erklärung entgegengestellt, sondern eben auch der restitutionellen Statik des Vormärz-Zeitalters die Volksbewegungen als Träger sozialer Veränderungen entgegengehalten. Seine „Geschichte des 19. Jahrhunderts“ (1855-1866) bricht freilich nach acht Bänden mit dem Revolutionsjahr 1830 ab, und der konservativ liberale, preußische Historiker Heinrich von Treitschke fand sie sowohl sprachlich („Gestrüpp“) wie gedanklich grauenhaft. Aber in jener wissenschaftlichen Methode, in seinem obstinaten Liberalismus und der späten schroffen Ablehnung Bismarcks wurde er für Generation von bürgerlichen Gelehrten eine politische Instanz. Seine Autobiographie „Georg Gottfried Gervinus’ Leben. Von ihm selbst 1866“ (gedruckt Leipzig 1893) reicht nur bis in die ersten Ehejahre um 1830, ist aber ein viel zu wenig beachtetes und offenbar sehr authentisches Quellenzeugnis der Darmstädter bürgerlichen Lebenswirklichkeit zwischen Befreiungskriegen und Vormärz.

Seine Grabstele mit Büste befindet sich auf dem Heidelberger Bergfriedhof, die Originalgrabstätte wurde aufgelassen. 1882 wurde die Gervinusstraße in DA nach ihm benannt.

Lit.: Rychner, Max: Georg Gottfried Gervinus. Ein Kapitel über Literaturgeschichte, Bern 1922; Lothar Gall: Georg Gottfried Gervinus. In: Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Historiker. Bd. 5, Göttingen 1972; Hübinger, Gangolf: Georg Gottfried Gervinus. Historisches Urteil und politische Kritik, Göttingen 1984.