Stadtlexikon Darmstadt

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Volksstaat Hessen
Umzug aus Anlass des Jubiläums „5 Jahre Weimarer Reichsverfassung“, 10.08.1924, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Die Zeit der Weimarer Republik (1918-1933) ist in DA geprägt durch die unmittelbaren und mittelbaren Folgen des Ersten Weltkriegs, an dessen Ende die Stadt über 2.000 Gefallene zu beklagen hatte. Der Krieg führte zu einem Niedergang der städtischen Wirtschaft und einer Destabilisierung der sozialen und politischen Verhältnisse. Die politischen Umwälzungen bei Kriegsende mündeten in die Absetzung Großherzog Ernst Ludwigs und in die Begründung einer von den demokratischen Kräften Hessens begrüßten Republik. Am 09.11.1918 wurde die „Freie sozialistische Republik Hessen“ ausgerufen, aus der mit der Verabschiedung der Verfassung am 12.12.1919 der Volksstaat Hessen hervorging, dessen Hauptstadt DA blieb. Die mit dem Waffenstillstand eingerichtete französische Besatzungszone des Brückenkopfs Mainz reichte bis Wixhausen, Arheilgen und Griesheim und erschwerte den wirtschaftlichen Neubeginn ebenso wie der Wegfall des Großherzoglichen Hofs und der Garnison. Im Zuge der Niederschlagung des Kapp-Putsches wurde auch DA selbst im April und Mai 1920 sechs Wochen von französischen Truppen besetzt. Ausgewiesene und Flüchtlinge aus dem besetzten Gebiet, zurückkehrende Soldaten und die wieder steigende Zahl der Studenten an der TH Darmstadt verursachten einen großen Mangel an Wohnraum und in der Lebensmittelversorgung. Kohlenmangel und dadurch bedingte Sperrungen von Gas und Strom blieben ebenso Alltag wie die zeitweise Einstellung des Straßenbahnverkehrs.

Die Stadtverwaltung, die auf die Situation durch Schaffung neuer Ressorts, vor allem eines Wohnungs- und eines Wohlfahrtsamts (Wohlfahrtspflege) reagierte, versuchte mit mehreren Straßen- und Wohnungsbauprogrammen, bei denen hauptsächlich arbeitslose Notstandsarbeiter eingesetzt wurden, der schwierigen Lage Herr zu werden. Siedlungshäuser entstanden in großer Zahl im Westen und Südwesten der Stadt in der Waldkolonie, wo Baugenossenschaften den schon vor dem Krieg geplanten Ausbau der Siedlung vorantrieben. Wohnblocks entstanden entlang der Bahnstrecke am Haardtring und auf der aufgelassenen Trasse der Odenwaldbahn, dem heutigen Rhön- und Spessartring, den die Stadt mit Häusern nach Entwürfen von August Buxbaum bebaute. Die Notlage in der Stadt verschärfte sich 1922/23 mit der galoppierenden Inflation, die das Geld wertlos und wichtige Versorgungsgüter nahezu unerschwinglich werden ließ. Die Stadtverwaltung und größere Firmen druckten eigenes Notgeld bzw. gaben betriebsinternes Geld auf Dollar-Basis aus. Auf dem Höhepunkt der Inflation kam es im Oktober 1923 in der Altstadt zu Hungerunruhen. Fast ein Drittel der rund 21.000 Darmstädter Haushalte wurden vom städtischen Wohlfahrtsamt unterstützt, Suppenküchen und Wärmestuben eingerichtet. Mit der Umstellung auf die neue Goldmark begann allmählich eine wirtschaftliche und auch politische Konsolidierung. Die unterbrochenen Bauprogramme wurden seitens der Stadt fortgesetzt, vor allem aufgrund von Erbbauverträgen. Die Elektrifizierung der Straßenbahn konnte 1926 abgeschlossen werden. 1925 wurde auf der Lichtwiese der Darmstädter Verkehrsflughafen (Flugplätze) eingerichtet, von dem aus die Lufthansa ab April 1926 den Linienbetrieb in die großen Städte des Reichs und Westeuropas aufnahm.

Der Verlust von Hof und Garnison und der Wechsel der Staatsform lösten neue Entwicklungen auch auf kulturellem Gebiet aus. Das nunmehrige Hessische Landestheater spielte unter seinem Intendanten Gustav Hartung (1920-33) bisher nicht gekannte (Georg Büchner) bzw. avantgardistische Stücke (Kasimir Edschmid, Carl Sternheim u. a.). Gegen die alte Kunstauffassung der großherzoglichen Residenz war auch die im Juni 1919 als „Sammelpunkt radikaler künstlerischer Bestrebungen“ gegründete Darmstädter Sezession gerichtet. Die Jahrestagungen der Gesellschaft für freie Philosophie von Herrmann Graf Keyserling und die beliebten Konzertreihen der Akademie für Tonkunst trugen ebenso zum neuen kulturellen Klima in DA bei wie die groß angelegte Kulturwerbeaktion des „Darmstädter Sommers“ 1925, die mit einem mehrere Monate umfassenden, weit gefächerten Veranstaltungsprogramm von Vorträgen, Konzerten und Ausstellungen – u. a. der großen Gartenbauausstellung in der Orangerie – die Darmstädter Kulturlandschaft gleichermaßen vorstellen und fördern wollte. Im selben Jahr führte die Hessische Spielgemeinschaft erstmals den „Datterich“ auf. Zwei Jahre zuvor war erstmals der Georg-Büchner-Preis vergeben worden.

Im Zeichen einer aufstrebenden Konjunktur wechselte nach den Landtagswahlen vom 13.11.1927 die Landesregierung. Nachfolger des seit 1919 amtierenden Staatspräsidenten Carl Ulrich wurde im Februar 1928 der bisherige Mainzer Bürgermeister Bernhard Adelung; Ferdinand Kirnberger wurde zum Finanz- und Justizminister und Wilhelm Leuschner zum Innenminister ernannt. Der Aufschwung wurde jedoch torpediert durch den vom „Schwarzen Freitag“ an der New Yorker Börse (24.10.1929) ausgelösten Umschwung, dem u. a. die Darmstädter und Nationalbank (Banken) zum Opfer fiel, die im Juli 1931 in Konkurs ging. Eine ganze Reihe weiterer Konkurse von Darmstädter Betrieben schlossen sich an, andere Firmen reagierten mit Entlassungen. Die Zahl der Arbeitslosen stieg von unter 1.000 im Sommer 1928 auf über 6.500 im Februar 1932, was einer Quote von 28 Prozent entsprach. Fast 20.000 Menschen wurden von der Arbeits- und Wohlfahrtsverwaltung unterstützt. Weltwirtschaftskrise und die weit über dem Reichsdurchschnitt liegende Arbeitslosigkeit sorgten für eine Destabilisierung der politischen Verhältnisse. Bereits seit 1929 saßen Mitglieder der NSDAP in der Darmstädter Stadtverordnetenversammlung, der insgesamt zehn verschiedene Gruppierungen angehörten. Die politischen Auseinandersetzungen der Parteien der Mitte mit den radikalen Kräften des rechten und linken Parteienspektrums, die zum vorherrschenden Thema der Politik wurden, nahmen an Heftigkeit zu, führten zu einer Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung, bezogen zunehmend auch alle anderen Lebensbereiche mit ein und führten im März 1933 zur Machtergreifung des Nationalsozialismus.

Lit.: Darmstadts Geschichte. Fürstenresidenz und Bürgerstadt im Wandel der Jahrhunderte, von Friedrich Battenberg, Jürgen Rainer Wolf, Eckhart G. Franz, Fritz Deppert. Gesamtredaktion: Eckhart G. Franz, Darmstadt 1980, 2. Aufl. 1984, S. 424-452; Handbuch der Hessischen Geschichte, S. 889-912.

Wahlplakat der SPD zur Reichstagswahl 1930, Stadtarchiv Darmstadt