Stadtlexikon Darmstadt

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Technische Universität Darmstadt
Erstes Gebäude der Technischen Hochschule, 1844 errichtet, Aufnahme um 1870, links die neue Stadtkapelle, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Mit der Gründung der Pariser École Polytechnique, einer Errungenschaft der liberalen Reformen der Französischen Revolution, begann 1795 die Geschichte des technischen Hochschulwesens. In der Folge entstanden auch im deutschen Sprachraum polytechnische und gewerbliche Schulen unterschiedlicher Konzeption. Die ökonomische Rückständigkeit der deutschen Fürstentümer gegenüber den kapitalkräftigeren Staaten (England, Frankreich) der beginnenden Industrialisierung sollte durch „Erziehung zur Industrie“ abgebaut werden. Ziel war zugleich die stabilisierende Sicherung des Staats durch die Einbindung und Förderung des gewerblichen Mittelstands. Aus der 1821 in DA gegründeten Realschule, der gemeinsamen Wurzel der hiesigen Realgymnasien und der TU Darmstadt, entstand 1836 das von Theodor Schacht entworfene Konzept der auf der Realschule aufbauenden Höheren Gewerbschule. Er und sein Nachfolger Edmund Külp bemühten sich, die bescheidene Einrichtung akademischem Niveau anzunähern. 1844 bezog sie ihren von Balthasar Harres entworfenen Neubau am Kapellplatz. Die Finanznot des Großherzogtums und Versäumnisse der wissenschaftlichen Weiterentwicklung (Straßen-, Eisenbahn- und Wasserbau) führten 1864 zur vorübergehenden Rückstufung als Technische Schule ohne akademischen Anspruch. Unterstützt durch Initiativen eines Bürgerkomitees, der Hessischen Handelskammer und mehrerer Gewerbevereine, folgte endlich 1869 die Neueröffnung als Polytechnikum, wissenschaftlich ausgebildete Professoren wurden neu berufen. Die Regierungsentscheidung basierte auf politischen Argumenten: Nach den Einbußen des verlorenen Kriegs von 1866 wurde eine akademische Ausbildungsstätte zum Statussymbol souveräner Herrschaft. 1877 verlieh Großherzog Ludwig IV. der Institution den Namen „Technische Hochschule Darmstadt“, das Abitur wurde Zugangsvoraussetzung zum Studium. Ein letztes Mal gefährdet war die Existenz der TH Darmstadt 1882 aufgrund einer schweren wirtschaftlichen Depression. Vor der drohenden Schließung wurde sie bewahrt durch den mutigen Entschluss von Hochschulleitung, Regierung und Stadt, die Elektrotechnik als neues Lehrgebiet zu etablieren und dafür eine selbstständige Abteilung mit eigenem Studienplan einzurichten: Auf den ersten Lehrstuhl für Elektrotechnik wurde Erasmus Kittler berufen. Damit begann der unaufhaltsame Aufstieg der TH Darmstadt. Der rasch wachsende Andrang der Studierenden aus dem In- und Ausland (v. a. aus Osteuropa) und der daraus resultierende Platzmangel machten die Erweiterung und damit den Neubau der gesamten Hochschule notwendig. Auf dem vom Großherzog zur Verfügung gestellten Gelände der Hofmeierei und einem Teil des Herrngartens entstanden mit Unterstützung von Staat und Stadt die 1895 eingeweihten Gebäude (Technische Universität, alte Gebäude). Im Rahmen des Kampfs der Technischen Hochschulen um Gleichberechtigung mit den Universitäten erhielt die TH Darmstadt 1895 eine Rektoratsverfassung und 1899 das Promotionsrecht. Die Differenzierung und Erweiterung der Fachwissenschaften vollzog sich in schnellen Schritten, bis schließlich 1913 Luftfahrt als wohl erste Professur dieses Fachs in Deutschland dazu kam. Die TH Darmstadt etablierte sich in Forschung und Lehre bis zum Ersten Weltkrieg als eine der großen und angesehenen deutschen Technischen Hochschulen.

Amtskette des Rektors der TH Darmstadt, von Großherzog Ernst Ludwig gestiftet und geschaffen von Augusto Varnesi 1895. Die verkohlte Kette wurde 1944 aus dem Brandschutt gezogen, Foto: TU Darmstadt, Universitätsarchiv

Der demokratische Impuls der aus dem Krieg heimkehrenden Studentengeneration, der sich in der Satzung der  Studierendenschaft von 1919 und angesichts ihrer existenziellen Notlage in der Gründung der Studentischen Wirtschaftshilfe 1921 als Vorläufer des Studentenwerks äußerte, machte alsbald einem distanzierten Verhältnis zur republikanischen Staatsform Platz. An der allgemeinen Studienreformdiskussion der 1920er Jahre waren die Darmstädter Professoren Enno Heidebroek und Wilhelm Schlink maßgeblich beteiligt, allerdings ohne tief greifenden Einfluss auf die TH Darmstadt. Politische Polarisierung, wachsende nationalistische, juden- und fremdenfeindliche Strömungen und Existenzängste infolge der Probleme der Weltwirtschaftskrise bereiteten den Boden für den Erfolg des Nationalsozialismus. Wie alle Hochschulen und Universitäten wurde die TH Darmstadt nach 1933 im nationalsozialistischen Sinne umgestaltet und nach dem „Führerprinzip“ organisiert. Insbesondere die Studierenden waren treibende Kraft der Politisierung der Hochschule. Aufgrund des Gesetzes „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wurden Professoren und TH-Mitarbeiter entlassen oder zum Rückzug in den Ruhestand gezwungen. Dabei machte die Gruppe der aus „rassischen“ und politischen Gründen Vertriebenen einen relativ geringen Anteil aus. Stattdessen wurde an der TH Darmstadt eine ganze Reihe von Personen unter Anwendung der NS-Gesetze entlassen, die offenbar als fachlich ungeeignet oder einfach missliebig angesehen wurden.

Wenn auch nicht reibungslos, vollzog sich der Gleichschaltungsprozess in DA teils freiwillig, teils unter Druck und erzeugte ein von Denunziation und Spitzelei getrübtes Klima. Doch der TH Darmstadt verblieben auch erhebliche Handlungsspielräume. Denn sie rückte, wie andere Technische Hochschulen auch, in den Fokus des NS-Regimes, das einen „autarken Wehrstaat“ anstrebte. Es entstand eine Allianz zwischen Wissenschaft, Industrie und Militär, in die sich die Darmstädter Wissenschaftler freiwillig einbrachten und massiv davon profitierten. Die TH Darmstadt war mit 92 Mitarbeitern größter Partner des Heereswaffenamts im „Vorhaben Peenemünde“ zur Raketenentwicklung (V2). Auch in drei Vierjahresplaninstituten und in etlichen vom Reichsforschungsrat finanzierten Einzelprojekten engagierten sich die Darmstädter intensiv für die Kriegsforschung. Im Laufe des Krieges entwickelte sich die Hochschule damit weg von ihrer eigentlichen Rolle als Lehranstalt und hin zu einer Forschungseinrichtung. Dies zeigt auch ein Blick in die Statistik: Im Wintersemester 1935/36 waren 1.200 Studierende eingeschrieben und die Anzahl der Lehrenden betrug 121. Im Wintersemester 1944/45 dagegen waren kriegsbedingt nur noch 190 Studierende eingeschrieben; das Forschungspersonal allerdings hatte sich auf 280 Personen vergrößert. In der Brandnacht vom 11.09.1944 wurden 60 bis 80 Prozent der TH-Gebäude und -Einrichtungen zerstört oder schwer beschädigt.

Zwar war die Ausgangslage alles andere als einfach, trotz der schwierigen Rahmenbedingungen blieb die am 17. Januar 1946 wieder eröffnete Hochschule aber ein handlungsfähiger Akteur. Der TH Darmstadt gelang ein selbstgestalteter institutioneller, personeller und fachlicher Übergang vom „Dritten Reich“ in die Nachkriegszeit. Die amerikanische Militärregierung kümmerte sich nur am Rande um die Ereignisse an der TH Darmstadt und der Hochschulleitung verlieben erhebliche Handlungsspielräume. Die TH gab sich nun als „Anti-Nazi-Hochschule“ aus und sorgte durch klug gewählte Strategien dafür, dass die Entnazifizierungs-, Wiedergutmachungs- und Berufungsverfahren in ihrem Sinne verliefen. Dass sie massiv und äußerst gewinnträchtig in Kriegsforschung während des Nationalsozialismus involviert war, war rasch vergessen. Langfristige Konsequenzen dieses Verhaltens der TH Darmstadt waren, dass von den während des NS-Regimes vertriebenen Hochschulangehörigen lediglich drei Personen zurückkehrten. Außerdem wurden die Entnazifizierungsverfahren der Professoren dank eines aktiven Eingreifens der Hochschulleitung spätestens 1946/47 beendet. Bis auf zwei Professoren (Karl Lieser und Friedrich List) wurden alle wieder in die Hochschulgemeinschaft aufgenommen.

Der „Internationale Kongress für Ingenieurausbildung“ (IKIA) 1947 sollte vordergründig auf internationaler Bühne die Grundsatzfrage nach der ethischen und moralischen Aufgabe der Technik klären helfen und die Verantwortung der Ingenieure für eine friedliche Zukunft stärken. Der eigentliche Grund, eine Veranstaltung mit mehreren hundert internationalen Wissenschaftlern im weitgehend zerstörten DA auszurichten, war die Möglichkeit für die Darmstädter Wissenschaftler, Anschluss an die scientific community zu finden. So blieben auch die hochgesteckten Ziele unerreicht. Auch wenn das den Intentionen der Träger nicht gerecht wird, überwiegt jedenfalls in der Rückschau der Charakter einer Alibiveranstaltung.

Institutsgebäude der TH Darmstadt mit dem zerstörten „Pützerturm“, 1948, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Kurz nach der Beseitigung der Trümmer folgte der Wiederaufbau der ersten Gebäude. Als erstes wurde die Otto-Berndt-Halle 1951/52 saniert und als Mensa und Versammlungsstätte hergerichtet. Das Staatliche Hochschulbauamt entwarf 1953/54 einen ersten Vierjahresplan (1955-1958), der Investitionen in Höhe von 20 Millionen DM vorsah. Es folgte 1959 bis 1962 ein zweiter Vierjahresplan, der weitere 75 Millionen DM umfasste. Es entstanden zahlreiche Gebäude auf dem ehemaligen Altstadtgelände zwischen der Landgraf-Georg- und der Alexanderstraße sowie nördlich davon bis zur Hochschulstraße. Das rasante Wachstum der TH Darmstadt machte bald darüber hinausgehende Erweiterungsplanungen notwendig. 1963 fiel die Entscheidung, ein neues, zweites Hochschulquartier auf der Lichtwiese zu bauen. Ab Mitte der 1960er Jahre forderten die Studierenden vieler europäischer und US-amerikanischer Universitäten eine demokratische Reform der Hochschulen. Ein Ergebnis der Studentenrevolte von 1968, die an der TH Darmstadt moderater verlief als an den klassischen Universitäten, waren die Hessischen Universitätsgesetze, die im Mai 1970 in Kraft traten und der TH Darmstadt eine Präsidialverfassung mit vielen strukturellen Veränderungen und Anstößen zur Studienreform brachten. Bildungswerbung und geburtenstarke Jahrgänge, die kräftige Vermehrung des Lehrpersonals sowie die Forschungsförderung durch nationale Organisationen beeinflussten die Entwicklung der TH Darmstadt zu einem wissenschaftlichen „Großbetrieb“ mit hoher akademischer und wirtschaftlicher Bedeutung für die Stadt. Seit dem 01.10.1997 trägt sie den Namen „Technische Universität Darmstadt“ (TU Darmstadt).

Das Profil der einzigen Technischen Universität in Hessen ist von den Realien geprägt, d. h. von den Natur-, Technik- und Ingenieurwissenschaften. Seit ihren Anfängen als Universität sind aber auch die Geistes- und Sozialwissenschaften unverzichtbarer Bestandteil ihres Fächerspektrums. Diese fachliche Breite ermöglicht Lehre und Forschung an den „Nahtstellen“ der Disziplinen, an denen seit langem die zukunftsweisenden wissenschaftlichen Fragestellungen angesiedelt sind. In den Universitätsrankings findet sich die TU Darmstadt deshalb stets auf vorderen Plätzen. Aus der langjährigen und ständigen Bemühung um die Zusammenarbeit technisch-naturwissenschaftlicher Disziplinen mit den sozial- und gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen entstanden mehrere zentrale Einrichtungen, in denen Mitglieder unterschiedlicher Fachrichtungen an komplexen Themen in Lehre und Forschung zusammenarbeiten. In Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und durch Mitwirkung in regionalen Entwicklungsgremien trägt die TU Darmstadt zum Wissenstransfer und zur Förderung der Rhein-Main-Region entscheidend bei. Sie ist ein Basispfeiler der Wissenschaftsstadt DA. Von den 2015 eingeschriebenen 25.900 Studierenden haben etwa 18 Prozent einen ausländischen Pass, damit liegt die TU Darmstadt über dem Mittelwert deutscher Universitäten. Das Interesse deutscher Studierender an einem Studienaufenthalt im Ausland ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Mit 137 Universitäten auf der ganzen Welt bestehen Vereinbarungen zum Studentenaustausch. Die wachsende Zahl von Bachelor- und Master-Studiengängen an der TU Darmstadt und die Möglichkeit des Erwerbs von Doppeldiplomen an TU Darmstadt und einer ausländischen Universität tragen ebenfalls zum internationalen Profil der TU Darmstadt bei. Seit dem 1. Januar 2005 ist die TU Darmstadt als erste deutsche Universität im Prinzip autonom. Unter anderem die Berufungen von Professorinnen und Professoren und den Haushalt und die Liegenschaften kann sie seither selbst verwalten. Die Autonomie der TU hat in den letzten zehn Jahren erhebliche Veränderungen mit sich gebracht, die insbesondere am Anstieg der Einwerbung von Drittmitteln und den starken baulichen Veränderungen sichtbar wird.

Lit.: Technische Bildung in Darmstadt. Die Entwicklung der Technischen Hochschule 1836–1986, 6 Bde., Darmstadt 1995-2000; Hanel, Melanie: Normalität unter Ausnahmebedingungen. Die TH Darmstadt im Nationalsozialismus, Darmstadt 2014; Schmidt, Isabel: Nach dem Nationalsozialismus. Die TH Darmstadt zwischen Vergangenheitspolitik und Zukunftsmanagement (1945-1960), Darmstadt 2015; TU Darmstadt (Hg.): Zehn Jahre Bauautonomie – Technische Universität Darmstadt, Darmstadt 2015; TU Darmstadt (Hg.): Wiederaufbau und Erweiterung, Darmstadt 2016.

Marianne Viefhaus, Sabine Gerbaulet, aktualisiert Isabel Schmidt und Manfred Efinger