Stadtlexikon Darmstadt

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Mathildenhöhe
Landhaus auf der Mathildenhöhe, 1833 von der Stadt Darmstadt für Erbgroßherzog Ludwig (III.) und seine Gattin Mathilde als Hochzeitsgeschenk errichtet, 1880 für das Hochreservoir der Wasserleitung abgerissen, Gouache von Ernst August Schnittspahn, 1864, Schlossmuseum Darmstadt

Auf der Anhöhe am Ostrand der Stadt wurde in früheren Zeiten Wein (Weinbau) angebaut. Um 1800 ließ dort Prinz Christian, der jüngste Bruder Ludewigs I., einen romantischen Park anlegen, der auch der Öffentlichkeit zugänglich war. Nach seinem Tod ging dieser in den Besitz des Erbgroßherzogs Ludwig III. über und erhielt schließlich nach dessen Gattin, der Prinzessin Mathilde von Bayern, seinen Namen. Die neuen Besitzer ließen den Park, dem Zeitgeschmack entsprechend, mit Gartenhäuschen und Pavillons ausstatten und den bis heute erhaltenen Platanenhain anlegen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreichte die expandierende Stadt auch die Mathildenhöhe. An ihrem Fuß wurden bald erste großbürgerliche Villen errichtet. Im Norden ließen sich zahlreiche Brauereibetriebe (Brauereien) nieder. Auch innerhalb des Parks wurde gebaut. 1877 bis 1880 entstand nach Plänen des Ingenieurs Otto Lueger auf der Kuppe der Mathildenhöhe der Hochwasserbehälter (Wasserhochreservoir) des städtischen Wasserwerks (Wasserversorgung). An der Stelle eines Gartenhauses wurde 1897 bis 1899 die russisch-orthodoxe Kapelle (Russische Kapelle) errichtet. Ihr Bauherr war Zar Nikolaus II., der Schwager von Großherzog Ernst Ludwig. 1897 wurde der Entschluss gefasst, einen ordnenden Generalbebauungsplan für die Mathildenhöhe zu erstellen und den Architekten Karl Hofmann mit dieser Aufgabe zu betrauen. Bis zur ersten Ausstellung der Künstlerkolonie im Jahr 1901 war der Westhang bereits parzelliert und mit einigen Wohnhäusern gemäßigt moderner Architekten wie Friedrich Pützer, Paul Wallot und Karl Hofmann bebaut.

Ernst-Ludwig-Haus, Russische Kapelle und Haus Christiansen auf der Mathildenhöhe, um 1901, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Nachhaltige Bedeutung erlangte die Mathildenhöhe als Sitz der 1899 von Großherzog Ernst Ludwig ins Leben gerufenen Darmstädter Künstlerkolonie. Die Idee einer ersten, groß angelegten Ausstellung gab den Auftakt zur Bebauung. Joseph Maria Olbrichs Konzept sah neben einigen temporären Ausstellungsbauten ein bleibendes, am Alexandraweg konzentriertes Zentrum vor: Das Ateliergebäude (Ernst-Ludwig-Haus) sowie acht individuelle Wohnhäuser für die Künstler der Kolonie sowie für Personen, die ihr nahe standen. Die vollständig im Jugendstil eingerichteten Häuser sollten den Besuchern der 1901 eröffneten Ausstellung „Ein Dokument Deutscher Kunst“ als Beispiele einer neuen Wohnkultur vor Augen geführt werden. Die Zielvorstellung gipfelte in der Schaffung eines „Gesamtkunstwerks“ Mathildenhöhe, innerhalb dessen auch die Gartenanlagen (Architekturgärten) eine wichtige Rolle spielten. Im Rahmen nachfolgender Ausstellungen wurde das Ensemble sukzessive um Bauten und Anlagen erweitert: 1904 wurde die Dreihäusergruppe am Prinz-Christians-Weg/Stiftsstraße nach Plänen Olbrichs errichtet. 1908 waren der Hochzeitsturm, das angrenzende Ausstellungsgebäude (Institut Mathildenhöhe) und das Oberhessische Haus fertig gestellt (Architekt: Joseph Maria Olbrich). 1914 setzte Albin Müller mit der von ihm entworfenen Mietshäusergruppe (zerstört), der Brunnenanlage vor der Russischen Kapelle sowie dem Schwanentempel weitere bauliche Akzente. Auch die nicht zum Kreis der Künstlerkolonie gehörenden Baumeister, v.a. Friedrich Pützer, Alfred Messel und der Bensheimer Heinrich Metzendorf, schufen begleitend zu den Aktivitäten der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe bedeutende Beispiele zeitgenössischer Architektur. Die Entwicklung sollte sich über ein Jahrzehnt im Spannungsfeld zwischen fortschrittlicheren und traditionsgebundeneren Bauauffassungen bewegen.

Von der Bombardierung DAs in der Brandnacht 1944 wurde die Mathildenhöhe stark betroffen. Viele der Gebäude brannten aus oder wurden völlig zerstört. Bewusst in die Tradition und Wirkungsgeschichte der Ausstellung von 1901 stellte sich die Ausstellung „Mensch und Raum“ anlässlich des Darmstädter Gesprächs 1951 im wieder aufgebauten Ausstellungsgebäude. Einer der damals in Modellen vorgestellten Darmstädter Meisterbauten, Ernst Neuferts Ledigenwohnheim, wurde am Fuß der Mathildenhöhe realisiert. Über die Jahrzehnte hinweg gelang es durch kontinuierliche Restaurierungs- und Rekonstruktionsmaßnahmen, die Bedeutung der traditionsreichen Anlage verstärkt ins Bewusstsein zu rücken und ihren künstlerischen Wert für die Nachwelt zu erhalten. Die Mathildenhöhe ist heute Sitz renommierter kultureller Einrichtungen. Hierzu gehören das Institut Mathildenhöhe, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, das Deutsche Polen-Institut, das  Design Zentrum Hessen e. V. im Alfred-Messel-Haus sowie die Hochschule DA.

Lit.: Mathildenhöhe Darmstadt. 100 Jahre Planen und Bauen für die Stadtkrone, Darmstadt 1999-2004, Bd. 3.