Stadtlexikon Darmstadt

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Heimstättensiedlung
Siedlerhäuser aus dem ersten Bauabschnitt in der Straße „Unter den Golläckern, um 1934, Foto: Stadtarchiv Darmstadt

Die Weltwirtschaftskrise 1929 stürzte die Wirtschaft Hessens und damit auch DAs in eine tiefe Krise (Volksstaat Hessen). Um die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und die daraus resultierende Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, erließ die Reichsregierung Notverordnungen und brachte damit überall im Reich und so auch in DA neue Planungen für Kleinsiedlungen für Arbeitslose und Kurzarbeiter in Gang, die unter Selbsthilfe der Siedler zu errichten waren, um damit den Erwerbslosen die Grundlage für eine neue Existenz zu schaffen. Die Stadt DA stellte ein Gelände am Alten Eschollbrücker Weg (heute Heimstättenweg) und an den ehemaligen Pulverhäusern (ein altes Munitionsdepot) zur Verfügung. Im April 1932 begannen 100 Siedler, die unter etwa 500 Arbeitslosen und Fürsorgeempfängern ausgesucht worden waren, unter Leitung und nach Plänen des städtischen Hochbauamts mit dem Bau der ersten Eigenheime der „Erwerbslosensiedlung“ im Südwesten DAs und schufen sich ihre Heimstätten, nach denen die entstehende Siedlung später benannt wurde. Der Bezug der Häuser mit ihren etwa 1.000 qm großen Grundstücken und rückwärtigen Stallgebäuden erfolgte im Spätherbst 1932. 1934 wurde westlich davon mit dem Bau weiterer 100 Siedlerstellen begonnen. 1936/37 folgten weitere Abschnitte, jetzt auch Mietshäuser mit „Volkswohnungen“. Zur Erschließung der Infrastruktur wurde 1937 im ehemaligen Wachhaus bei den Pulverhäusern ein NSV-Kindergarten eingerichtet (Nationalsozialismus). Die kurz danach errichtete Heimstättenschule passte sich als lang gestreckter einstöckiger Bau der Siedlungsarchitektur an. Auch Metzgerei, Bäckerei und Lebensmittelgeschäfte siedelten sich an.

Durch den Zweiten Weltkrieg wurde die Siedlungsentwicklung unterbrochen, geplante Bauabschnitte konnten nicht mehr verwirklicht werden. Die Heimstättenschule und einige Häuser der Heimstättensiedlung fielen Bombenangriffen zum Opfer. Zwischen 1950 und 1960 konnte die „Gemeinnützige Baugenossenschaft Familienheim“ im Zentrum der Siedlung um „Köhlertanne“ und „Kaiserschlag“ für ihre Mitglieder etwa 100 Häuser fertig stellen. Auf dem gleichen Areal sowie am Forstweg, In den Golläckern und Am Pelz stellte die „Baugenossenschaft Selbsthilfe“ rund 200 Eigenheime her. Die restlichen freien Baugebiete machte sich die Stadt DA zunutze, als sie auf den für die Bebauung vorgesehenen Flächen nach dem Zweiten Weltkrieg Vertriebene aus Ungarn ansiedeln konnte. Es enstanden zwei neue Siedlungsteile, die Donau- und die Buchenlandsiedlung. Vertriebene Deutsche aus Ungarn, Donauschwaben, deren Vorfahren im 18. Jahrhundert nach Ungarn ausgewandert waren, gründeten eine Bau- und Siedlungsgenossenschaft, die in einem am 19.11.1949 geschlossenen Ansiedlungsvertrag ein 110.000 qm großes Gebiet zur Verfügung erhielt. Der erste Spatenstich war bereits am 25.04.1949 erfolgt. Die Siedler, die anfangs im Frauenlager des aufgelösten Internierungslagers an der Rheinstraße oder in Wellblechbaracken auf dem Siedlungsgelände untergebracht waren, errichteten bis in die 1960er Jahre in insgesamt zehn Bauabschnitten eine Siedlung um Ödenburger, Klausenburger und Fünfkirchner Straße.

Bereits ab 1948 siedelten sich aufgrund eines Vertrags mit der Stadt DA vom 14.06.1948 Vertriebene aus dem Buchenland, der Bukowina (früher zu Österreich-Ungarn, heute zu Rumänien und der Ukraine gehörig), auf einem 30 Hektar großen Grundstück südlich der alten Heimstättensiedlung an. Sie gründeten ebenfalls eine Genossenschaft, die „Bauhütte Buchenland“ und errichteten Häuser um Czernowitzer und Pruthstraße, am südlichen Eichbaumeck und am Pulverhäuser Weg. Die ersten 16 Häuser, die nach Entwürfen von Oberbaudirektor Peter Grund errichtet wurden, waren bereits im September 1949 bezugsfertig. Bis 1957 waren 58 Häuser fertig gestellt. Die Buchenländer errichteten auch das Altenwohnheim „Buchenlandheim“ (1972), das von einem gemeinnützigen Verein der Buchenländer betrieben wird. Eine weitere ungarndeutsche Siedlung entstand in den 1950er Jahren am Griesheimer Sand auf dem Gelände des früheren Truppenübungsplatzes ganz im Westen der Darmstädter Gemarkung, wo sich Weinbauern ansiedelten, die den Weinbau aber bald zugunsten des ertragreicheren Spargels aufgaben. Die Siedlung „St. Stephan“, benannt nach dem ersten christlichen König der Ungarn, wurde 1977 im Rahmen der Gebietsreform nach Griesheim ausgemeindet.

Im Laufe der 1960er und 1970er Jahre wuchs aus den drei unterschiedlichen Siedlungskernen ein neuer geschlossener Darmstädter Stadtteil zusammen, der heute etwa 8.000 Einwohner zählt. Dazu trug zum einen die Verdichtung der Siedlung bei – Bebauung von rückwärtigen Grundstücksteilen, Erweiterung der vorhandenen Häuser, Erschließung neuer Stichstraßen – und zum anderen die Schaffung einer gemeinsamen Infrastruktur: Die seit 1935 selbstständige ev. Matthäusgemeinde, Tochtergemeinde der Bessunger Petrusgemeinde (Ev. Kirchengemeinden), erhielt mit der von Otto Bartning entworfenen Matthäuskirche 1950 ein eigenes Gotteshaus und 1956 ihr Gemeindehaus mit Kindergarten. Die kath. Gemeinde, seit 01.05.1950 als Heilig Kreuz-Pfarrei selbstständig, nutzte seit 1947 zunächst ein altes Pulverhaus, das zur Kirche umgebaut, später als Kindergarten und Gemeindezentrum Verwendung fand, nachdem am 18.12.1965 die neu erbaute Kirche geweiht werden konnte. Im ehemaligen Wachhaus für die Pulverhäuser wurde 1982/83 ein Jugendhaus mit Seniorentreff eingerichtet. Anstelle der 1944 zerstörten Heimstättenschule konnte am 23.04.1950 die wesentlich erweiterte und nach neuesten pädagogischen Erkenntnissen errichtete Friedrich-Ebert-Schule als erster Darmstädter Schulneubau nach Kriegsende (Schulwesen) eingeweiht werden. Im November 1966 wurde der Erweiterungsbau mit Klassenräumen, Turnhalle und Aula in Betrieb genommen.

1951 gründete sich die Sportgemeinschaft Eiche, die in den folgenden Jahren mithilfe der Stadt ein eigenes Sportgelände an der Eschollbrücker Straße errichtete, wo die Fußball- und Handballmannschaften des Vereins spielten. 1978 wurde das neue Vereinshaus errichtet. Später kamen eine Gymnastik- und Karnevalsabteilung hinzu. Der größte Verein der Heimstättensiedlung ist der 1954 gegründete Sport- und Kulturverein Rot-Weiß mit den Abteilungen Fußball, Handball, Turnen und Gymnastik, Kegeln u. a. Die zweite Säule des Vereins ist die Kulturabteilung mit Sängern und Laienspielgruppe. 1967 gründeten sich der „Tischtennisclub Darmstadt“, der mittlerweile auch eine Tennisabteilung betreibt, und die Eis- und Rollschnelllauf-Gemeinschaft Darmstadt (ESRG). Bei der Heimstätten-Kerb 1951 trat erstmals der neu gegründete Spielmannszug der Siedlung öffentlich auf, der sich seit 1952 „1. Darmstädter Spielmannszug“ nennt. 1957 gründete sich am Rande der Siedlung der Sporthundeverein Darmstadt-Süd. Diese und weitere Vereine der Siedlung schlossen sich 1979 in der „Vereinsgemeinschaft Heimstättenvereine“ zusammen, deren größtes Projekt die Schaffung eines großen Sport- und Freizeitgeländes im Süden der Heimstättensiedlung auf dem Gelände des ehemaligen amerikanischen Schießplatzes darstellte.

Seit 1998 gibt es in der Siedlung einen Stadtteilpolizisten und seit 1999 im Heimstättenweg eine Sozialstation. Das erst 2006 eingerichtete Bürgerbüro, das den Bewohnern ihre Verwaltungsgänge erleichterte, wurde bereits im September 2013 wieder geschlossen. 2003 bis 2008 entstand am Westrand der Heimstättensiedlung auf dem Gelände der ehemaligen Ernst-Ludwig-Kaserne (Kasernen) die Wohnsiedlung „Ernst Ludwig-Park“ mit zunächst etwa 270 frei finanzierten und sozial geförderten Wohnungen, mit Geschäften und einer Kindertagesstätte. 2013/14 wurde auch das noch freie Gelände um das ehemalige amerikanische Theater im Süden des Ernst-Ludwig-Parks bebaut. Bereits 2010/11 waren auf dem an das Umspannwerk Süd angrenzenden Gelände 30 Reihenhäuser entstanden.

Lit.: 1932-1982. 50 Jahre Heimstättensiedlung, Darmstadt 1982; Kaltenecker, Krisztina: Wie wird eine Baustelle zur Gemeinde? Das Grundkonzept der Darmstädter Donausiedlung zur Ansiedlung und Eingliederung (1949-1954). In: Retterath, Hans Werner (Hrsg.): Ortsbezüge. Deutsche in und aus dem mittleren Donauraum, Freiburg 2001, S. 193-221; 75 Jahre Heimstättensiedlung 1932-2007. Hrsg. vom Organisationskomitee 75 Jahre Heimstättensiedlung, Darmstadt 2007.