Stadtlexikon Darmstadt

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Bessunger Jagdhof
Kavaliershaus im Bessunger Jagdhof, Aufnahme 15.07.2003, Foto: Jazzinstitut Darmstadt

Der Bessunger Jagdhof ist ein eindrucksvolles Beispiel barocker Jagdarchitekturen, die Landgraf Ernst Ludwig speziell für die 1708 aus Frankreich eingeführte Parforcejagd – einer Hetzjagd zu Pferde mit einer großen Hundemeute – rund um DA errichten ließ (Jagdgeschichte). 1709 begannen die Bauarbeiten am Bessunger Jagdhof. Schwierige Terrainverhältnisse verzögerten die Bauzeit, sodass die Gebäude erst 1725 bezogen werden konnten. Mit der Parforcejagd wurde nicht nur das gesamte Reglement aus Frankreich übernommen, sondern es lieferte auch die baulichen Vorbilder für die Gestaltung dieses Jagdhofs. Der Gesamtkomplex besteht aus zwei Plätzen mit unterschiedlichen Höhen: aus dem „unteren Hof“ mit dem später als Forstmeisterhaus bezeichneten Gebäude nebst Scheune und dem nördlich anschließenden „oberen Hof“, dem eigentlichen Jagdhof. Es handelt sich um eine rechteckige geschlossene Anlage mit drei niedrigen Flügelbauten und einem imposanten Herrenhaus an der Westseite. Dieses die Anlage beherrschende Kavaliershaus erhielt seinen Namen von den höfischen Jagdbediensteten, den „Cavalliers“. Entsprechend den neuesten Architekturströmungen aus Frankreich und Italien wurde ein kompakter Baukörper mit einer Mitteldominanten und einem spiegelsymmetrischen Außenbau geplant. Stilistisch passend deckte ein elegant geschweiftes Walmdach das Kavaliershaus. In den Proportionen und schlichten Details orientiert sich der verputzte Fachwerkbau eher an Stadtpalastarchitekturen als an barocken Schlossbauten. Die doppelseitige massive Freitreppe mit erhöhtem Podest diente der Jagdorganisation, aber auch dem standesgemäßen barocken Empfangszeremoniell. Ein geräumiger Toreingang führte nach unten über eine steile Treppe in den drei Meter hohen Gewölbekeller, in dem das Wildbret bis zur Verwertung eingelagert wurde. Seitlich des Kavaliershauses grenzten niedrige Mauern die Westseite des Jagdhofs ab und gewährten einen – zur Entstehungszeit noch unverbauten – Blick über die angrenzenden Felder und die Rheinebene. Das Jagdhof-Carree umsäumten an den anderen Seiten drei niedrigere Seitentrakte mit steilen Satteldächern. Hier waren Pferdeställe, Hundezwinger, Hundeküchen und -waschräume untergebracht. Das Jagdpersonal belegte die Räume im oberen Teil. Als Hauptvorratskammer diente der 10 x 20 Meter große Jagdhofkeller (Bessunger Jagdhofkeller) unter den vorderen Seitengebäuden. Nach der endgültigen Abschaffung der Parforcejagd wurde der Bessunger Jagdhof 1790 zu einer Kaserne für die Dragoner umgestaltet, die bis 1837 hier ihr Quartier hatten.

Foto: Jazzinstitut Darmstadt

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde der Bessunger Jagdhof immer mehr parzelliert. Unter dem Druck des enormen Bevölkerungswachstums in Bessungen überlagerten zunehmend Wohnungen, Schuppen und Werkstätten die barocke Anlage. Erst ab Mitte der 1970er Jahre wurde der gesamte Jagdhofkomplex als städtebauliches Ensemble wiederhergestellt: die Höfe entkernt, barocke Bauten restauriert oder durch historisch nachempfundene Neubauten ergänzt. In den Seitengebäuden befinden sich heute Wohnungen; der Jagdhofkeller wurde kultureller Veranstaltungsort, und das Kavaliershaus ist seit 1997 Sitz des international agierenden Jazzinstituts DA (Jazz in DA). 2001 wurde die überlebensgroße Plastik „Little Walter“ auf dem Bessunger Jagdhof vor dem Kavaliershaus errichtet. Die von dem Darmstädter Bildhauer Detlef Kraft geschaffene Bronzefigur, verkörpert nicht nur den legendären amerikanischen Blues-Harp-Spieler Marion Walter Jacobs, sondern ist mit ihren klaren Linien, der sichtbaren Tektonik und dem zu Kunst erstarrten Augenblick eine Reverenz an die Kreativität afroamerikanischer Musik. Ebenso bildet die als Jazztrompete gestaltete Wetterfahne auf dem Dach des Kavaliershauses einen visuellen Hinweis auf die neue Widmung als Stätte modernen Jazz(er)lebens.

Lit.: Schröder, Doris: Der Bessunger Jagdhof, Denkmalschutz in Darmstadt, Heft 9, Darmstadt 2002; Wolf, Jürgen Rainer: Vom Harnischhof zum Bessunger Herrengarten, Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde, NF 36, 1978, S. 117-151.